Hurtigruten HX Grönland Erfahrungen – Expedition in Ostgrönland

MS Fram von HX Expeditions vor Anker neben großem Eisberg im Scoresbysund bei Bäreninsel Ostgrönland
Expeditionsschiff von HX nahe Bäreninsel zwischen arktischen Eisbergen, fotografiert von Roland Kock

Zwischen den Bäreninseln fotografiere ich denselben Eisberg dreimal. Während unser Zodiac weiterfährt, entdecke ich immer neue Seiten. Eine verborgene Fläche kommt zum Vorschein, Schatten verändern die Konturen. Ich könnte noch lange hier sitzen. Dabei hatte ich vor wenigen Minuten geglaubt, diesen Eisberg bereits gesehen zu haben.

Solche Augenblicke prägen meine Reise durch Ostgrönland. Ich staune über gewaltige Gletscher, beobachte Moschusochsen in der Tundra und halte nach dem nächsten Auftauchen der Orcas Ausschau. Zugleich wächst mit jedem Tag meine Freude daran, genauer hinzusehen. Eine kleine Pflanze verrät etwas über das Überleben in der Arktis. Rote Felsen lassen mich über die Vergangenheit einer Landschaft nachdenken. Aus dem Staunen entstehen Fragen, denen ich selbst nachgehen möchte.

Vom 13. bis 27. September 2025 bin ich mit HX Hurtigruten Expeditions an Bord der MS Fram von Reykjavík nach Ostgrönland und zurück unterwegs. Wir erkunden die Küsten mit Zodiacs, zu Fuß und im Kajak. An Bord helfen uns Naturführer und Wissenschaftler, unsere Beobachtungen zu verstehen. Am nächsten Morgen nehme ich ihre Erklärungen mit hinaus – und entdecke Dinge, die mir zuvor entgangen wären.

Gerade dieses Zusammenspiel macht die Expedition für mich so bereichernd: selbst unterwegs sein, etwas ausprobieren, Zusammenhänge begreifen und die eigene Neugier wieder so deutlich spüren.

In diesem Reisetagebuch nehme ich Sie Tag für Tag mit. Sie erleben mit mir, wie sich Grönland allmählich erschließt und weshalb manche Begegnungen lange nachwirken. Vielleicht finden Sie dabei auch jene Erfahrung, die Sie selbst machen möchten.

Unsere Reise beginnt im Hafen von Reykjavík. Die MS Fram liegt bereit.

Reykjavík – Unser Zuhause fährt mit

Tag 1 – Samstag, 13.09.2025

Im Hafen von Reykjavík liegt die MS Fram bereit. Nach und nach treffen die Gäste ein. Einige haben die Zeit vor der Einschiffung noch für einen Spaziergang durch die Umgebung genutzt, andere kommen mit ihrem Gepäck direkt zum Schiff. Ich schaue hinauf zu den Decks. Von hier aus werden wir nach Ostgrönland aufbrechen. Für die kommenden zwei Wochen wird die Fram unser Zuhause sein.

An Bord zieht mich die Neugier erst einmal durch das Schiff. Ich schaue in die Aufenthaltsbereiche, suche die Aufgänge zu den Außendecks und bleibe an einem Fenster stehen. Schon beim ersten Rundgang entdecke ich Plätze, an denen ich später länger verweilen möchte: zum Hinausschauen, zum Lesen oder um die Eindrücke einer Anlandung nachwirken zu lassen.

Dabei stelle ich mir vor, wie wir nach einer Erkundung zurückkommen. Die Landschaft liegt noch draußen vor den Fenstern, während wir uns an Bord ausruhen und über unsere Beobachtungen sprechen. Am nächsten Morgen können wir anderswo wieder hinausgehen. Unser vertrauter Rückzugsort ist mitgereist.

Das macht die Fram für mich zu weit mehr als einem Transportmittel. Unterkunft und Versorgung nehmen wir mit. Wir können Küsten erkunden, an denen uns kein Hotel erwartet und zu denen keine Straße führt. Was an Land nur mit erheblichem Aufwand möglich wäre, wird durch dieses Schiff zugänglich. Beim Rundgang bekomme ich eine konkrete Vorstellung davon, wie viel Bewegungsfreiheit in einem mitreisenden Zuhause steckt.

Am Nachmittag werden Expeditionsjacken und Gummistiefel ausgegeben. Ich probiere die Stiefel an und gehe einige Schritte. Sitzen sie gut? Habe ich genügend Platz? Darin werde ich später aus dem Boot steigen und an Land unterwegs sein.

Ich nehme mir Zeit dafür. Wer schon einmal mit drückenden Schuhen gewandert ist, weiß, wie schnell die Aufmerksamkeit auf die eigenen Füße schrumpft. Plötzlich beschäftigt einen jeder Schritt. Dabei wollte man doch die Umgebung genießen.

Hier möchte ich draußen bleiben können, wenn mich etwas fesselt. Länger hinschauen, einer Beobachtung nachgehen, auch einmal einfach stehen bleiben. Gut passende Ausrüstung gibt mir dafür Spielraum. Ein Teil meines späteren Naturerlebnisses entscheidet sich bereits bei dieser unscheinbaren Vorbereitung.

Danach kommen wir zur verpflichtenden Sicherheitsübung in der Explorer Lounge zusammen. Wir lernen die wichtigen Abläufe kennen und machen uns mit dem Verhalten an Bord vertraut. Aus Menschen mit unterschiedlichen Reiseerfahrungen wird allmählich eine Gruppe, die für die nächsten zwei Wochen gemeinsam unterwegs sein wird.

Auch die Informationswege werden erklärt. Mitteilungen erreichen uns über die Reise-App und die Kabinentelefone. Die Schiffsvorstellung am frühen Abend wird zusätzlich auf die Kabinenfernseher übertragen.

Das gefällt mir. Ich kann mich zurückziehen oder das Schiff auf eigene Faust erkunden und trotzdem informiert bleiben. Ich muss meine Zeit nicht ständig danach ausrichten, wo gerade etwas mitgeteilt wird. Je besser ich weiß, wie die Informationen zu mir kommen, desto selbstständiger kann ich mich an Bord bewegen.

Anschließend werden die Bootsgruppen für die Anlandungen eingeteilt. Ich schaue nach meiner Gruppe und denke daran, wie viele einzelne Schritte später zusammenpassen müssen, bevor wir an einer abgelegenen Küste stehen: Die Boote müssen bereit sein, die Ausrüstung stimmen, Informationen müssen ankommen und alle Beteiligten ihren Teil beitragen.

Wenn ich dort draußen irgendwann allein in eine Landschaft schaue, wird sich dieser Augenblick ganz persönlich anfühlen. Möglich wird er durch die Vorbereitung und Zusammenarbeit vieler Menschen. Diese Verbindung zwischen gemeinsamer Organisation und eigenem Erleben wird mir an diesem ersten Tag besonders deutlich.

Bis zum Auslaufen bleibt noch Zeit für einen Rundgang. Einige Wege kenne ich inzwischen. Ich finde den Aufgang zum Außendeck wieder und gehe zu dem Platz an der Reling, den ich mir vorhin ausgesucht habe.

Am Abend verlassen wir Reykjavík.

Langsam wächst die Wasserfläche zwischen uns und dem Kai. Die Stadt rückt in die Ferne. Unter meinen Füßen spüre ich die Bewegung des Schiffs. Ich schaue noch eine Weile zurück und wende mich dann nach vorne.

Die Vorbereitungen des Tages haben etwas verändert. Ich kenne mich besser aus, meine Ausrüstung steht bereit, und die ersten Abläufe sind mir vertraut. Die große Unternehmung vor uns besteht inzwischen aus nachvollziehbaren nächsten Schritten.

Dabei kann ich mich auf Kenntnisse und Fähigkeiten stützen, die andere Menschen mitbringen. Ich muss diese Reise nicht allein ermöglichen. Ich kann mitmachen, dazulernen und dadurch Orte erreichen, die mir auf eigene Faust schwer zugänglich wären.

Dieser Gedanke begleitet mich, während ich über das Wasser schaue: Durch das Können anderer wachsen auch meine eigenen Möglichkeiten.

Grönland liegt noch jenseits des Horizonts. Unser Zuhause fährt bereits darauf zu.

Auf See in der Dänemarkstraße – Mein Blick wird genauer

Vor mir liegt eine Postkarte, die ich selbst gestalten soll. Unser erster voller Seetag beginnt mit einem Kunstworkshop. Wir sind auf dem Weg nach Grönland, und ich beschäftige mich zunächst damit, welches Bild ich von unserem Reiseziel mitgebracht habe.

Tag 2 – Sonntag, 14.09.2025
Position: Dänemarkstraße · ca. 375 km zurückgelegt

Auf meiner Karte bekommen Eis und Wasser viel Platz. Blautöne, helle Flächen, eine angedeutete Küste. Beim Gestalten fällt mir auf, wie selbstverständlich diese Motive auftauchen. Sie stammen aus Bildern, die ich irgendwann gesehen und behalten habe. Daraus hat sich meine Vorstellung von Grönland zusammengesetzt.

Ich betrachte die Karte einen Moment. Sie zeigt auch, worauf ich mich freue – und wonach ich vermutlich zuerst Ausschau halten werde. Gleichzeitig frage ich mich, welche Eindrücke unterwegs hinzukommen werden, für die auf diesem ersten Bild noch gar kein Platz ist.

Wenig später stehe ich am Bug zur Wildtierbeobachtung. Vor uns liegt die Dänemarkstraße. Über die Wasserfläche wandern helle und dunkle Stellen. Wellen heben sich, brechen zusammen und verschwinden wieder zwischen anderen Wellen.

Zunächst suche ich nach etwas Eindeutigem. Einer Bewegung, die heraussticht. Einer Form, die sich zuordnen lässt. Dabei merke ich, wie schnell mein Blick aus einem flüchtigen Eindruck schon etwas Bestimmtes machen möchte.

Ich nehme mir mehr Zeit. Verfolge eine Stelle länger. Schaue, ob sich eine Bewegung wiederholt und wie sie sich zur Umgebung verhält. Eine dunkle Form allein sagt wenig aus. Entscheidend ist auch, was sie im nächsten Augenblick tut.

Damit verändert sich das Beobachten. Ich werde aufmerksamer für Unterschiede, die mir beim ersten Blick entgangen sind. Zugleich lasse ich eine Wahrnehmung auch einmal offen. Ich muss nicht sofort wissen, was ich gesehen habe, um genauer hinzuschauen.

Zurück an Bord führen uns die Vorträge in die Geschichte Grönlands und in das wissenschaftliche Programm der Reise ein. Die Präsentationen werden im Schiff übertragen.

Besonders die Beschäftigung mit der Geschichte ergänzt mein bisheriges Bild. Bislang habe ich vor allem an die Landschaften gedacht, die wir erkunden werden. Nun rücken die Menschen in den Vordergrund, die mit dieser Umgebung leben und deren Geschichte mit ihr verbunden ist.

Das gibt unserer Annäherung eine andere Tiefe. Was für uns eine außergewöhnliche Reise sein wird, gehört für andere Menschen zu ihrem Lebensumfeld. Küsten und Siedlungen haben eine Bedeutung, die sich beim bloßen Anschauen kaum erschließt.

Ich denke an meine Postkarte vom Morgen. Für diese menschliche Geschichte habe ich darauf bisher kaum Raum vorgesehen.

Am Nachmittag bietet das Treffen mit den Wissenschaftlern Gelegenheit, mehr über ihre Arbeit und das Forschungsprogramm zu erfahren. Mich beschäftigt dabei besonders der Weg von einer einzelnen Beobachtung zu einer belastbaren Aussage.

Ein Eindruck lässt sich schnell erzählen. Um ihn genauer einordnen zu können, werden zusätzliche Angaben wichtig: Wo wurde etwas beobachtet? Wann? Welche Merkmale waren tatsächlich zu erkennen? Wie sicher ist die Zuordnung?

Ich muss an meinen Blick über das Wasser denken. Zwischen einer dunklen Bewegung und der Behauptung, ein bestimmtes Tier gesehen zu haben, liegt ein gedanklicher Schritt. Diesen Schritt bewusster wahrzunehmen, finde ich hilfreich. Ich kann genauer beschreiben, was mir begegnet ist, und meine Vermutung als Vermutung behandeln.

Das nimmt einer Beobachtung nichts von ihrer Faszination. Es macht mich neugieriger auf die Einzelheiten.

Im Workshop zur Gesteinsbestimmung bekommt dieses genaue Hinschauen eine weitere Richtung. Ich vergleiche Farben, Körnung und Strukturen. Merkmale, die im Vorbeigehen leicht zu einer einheitlichen grauen oder braunen Fläche verschmelzen, werden plötzlich interessant.

Mit jedem Vergleich ergeben sich neue Unterschiede. Wie fein oder grob wirkt das Material? Welche Bestandteile lassen sich erkennen? Welche Strukturen fallen auf?

Dabei wird mir deutlich, wie sehr Wissen die Wahrnehmung erweitert. Sobald ich auf bestimmte Merkmale achte, sehe ich mehr. Ein Stück Gestein kann zum Ausgangspunkt für Fragen nach der Entstehung einer Landschaft werden.

Diesen Zugang kann ich auf unsere späteren Erkundungen mitnehmen. Beim Gehen werde ich auch auf das achten, was unmittelbar vor meinen Füßen liegt. Ein Ufer oder ein felsiger Hang bietet dann weitere Anhaltspunkte, um die Umgebung zu verstehen. Ich muss dafür nicht selbst Geologe werden. Schon einige Unterscheidungen geben meiner Neugier eine Richtung.

Später gehe ich erneut zur Wildtierbeobachtung nach draußen. Das Meer liegt weiterhin weit vor uns. Ich versuche jetzt bewusster, meine Aufmerksamkeit zu führen: erst einen Bereich überblicken, dann bei einer auffälligen Bewegung bleiben, beobachten und die erste Deutung überprüfen.

Die Inhalte des Tages begleiten mich hinaus an den Bug. Was ich drinnen gehört und ausprobiert habe, kann ich draußen unmittelbar anwenden.

Zwischendurch bleibt Zeit für einen Snack und etwas zu trinken. Die Informationen zu unseren Bootsgruppen und den Abläufen sind in der Reise-App und an Bord einsehbar. Die aufgezeichneten Präsentationen können wir außerdem auf den Kabinenfernsehern verfolgen. So lassen sich Inhalte später noch einmal aufgreifen, wenn eine Frage erst beim Nachdenken entsteht.

Am Ende des Tages schaue ich wieder auf meine Polarpostkarte. Eis, Wasser, Küste – die Motive gefallen mir weiterhin. Inzwischen verbinde ich mehr damit als am Morgen.

Hinter der Küste liegt eine Geschichte. Im Gestein stecken Hinweise. Auf dem Wasser verlangt eine flüchtige Bewegung Geduld und genaues Hinsehen. Und meine ersten Vermutungen dürfen sich verändern, wenn ich etwas Neues entdecke.

Wir haben auf diesem Seetag gut 375 Kilometer zurückgelegt. Gleichzeitig habe ich begonnen, mir einen genaueren Blick auf unser Reiseziel zu erarbeiten.

Ich bin gespannt darauf, was ich mit diesem Blick an Land entdecken werde.

Auf See – Vom Schauen zum Mitforschen

Tag 3 – Montag, 15.09.2025
Position: Auf See · ca. 470 km zurückgelegt

Am Morgen gehe ich zur Wildtierbeobachtung auf das Achterdeck. Hinter der Fram zieht sich die Spur unserer Fahrt durch das Wasser. Ich schaue entlang dieser Linie in die Ferne und lasse den Blick anschließend über die Umgebung wandern.

Seit gestern achte ich bewusster darauf, was ich tatsächlich wahrnehme und was ich zunächst nur vermute. Ich bleibe länger bei einer Bewegung, schaue ein zweites Mal hin und versuche, die Einzelheiten zu erkennen. Das Meer bietet meinem Blick ständig etwas Neues. Vieles davon erschließt sich erst, wenn ich mir Zeit nehme.

Noch sind wir auf See. In den geologischen Vorträgen beschäftigen wir uns bereits mit den Fjordsystemen Ostgrönlands.

Dabei bekommt meine Vorstellung von diesen Landschaften eine zeitliche Tiefe. Die Täler und steilen Flanken, zwischen denen wir unterwegs sein werden, sind über lange Zeit geformt worden. Gletscher haben das Gestein bearbeitet und Täler ausgeschürft, die heute bis unter den Meeresspiegel reichen. Ein Fjord lässt sich dadurch auch als sichtbare Spur früherer Eisbewegungen verstehen.

Ich versuche mir diese Landschaft mit dem Eis vorzustellen, das sie einst ausgefüllt und verändert hat. Auf einmal erzählen die Formen mehr. Eine Felswand steht in einem Zusammenhang mit dem Tal davor, der Wasserfläche darunter und den Kräften, die hier gewirkt haben.

Das wird meinen Blick bei unseren Erkundungen verändern. Ich kann mich an einer Landschaft erfreuen und zugleich nach den Spuren ihrer Entstehung suchen. Der Gesteinsworkshop von gestern und die heutigen Vorträge ergänzen sich dabei: Aus einzelnen Merkmalen entsteht allmählich ein größeres Bild.

Im Workshop zur Wolkenbestimmung richtet sich die Aufmerksamkeit anschließend nach oben.

Im Alltag genügt mir beim Blick zum Himmel häufig eine schnelle Einschätzung: freundlich, grau, vielleicht Regen. Jetzt beschäftige ich mich mit den Unterschieden. Sind die Wolken flächig oder deutlich voneinander getrennt? Wirken sie faserig, geschichtet oder aufgetürmt? Wie viel vom Himmel bedecken sie?

Ich merke, wie eine genauere Sprache auch mein Sehen verändert. Sobald ich Merkmale unterscheiden kann, fallen sie mir häufiger auf. Der Himmel bekommt Einzelheiten, über die mein Blick vorher hinweggegangen wäre.

Später am Tag erhält diese Übung einen überraschenden Zusammenhang. Wir beteiligen uns an der NASA-Wolkenbeobachtung.

Besonders ein Gedanke bleibt bei mir hängen: Satelliten und Menschen an der Erdoberfläche betrachten dieselben Wolken aus unterschiedlichen Richtungen. Von oben können obere Wolkenschichten den Blick auf tiefer liegende verdecken. Unsere Beobachtungen von unten liefern eine ergänzende Perspektive und helfen, Satellitendaten einzuordnen.

Ich finde es faszinierend, dass ein sorgfältiger Blick vom Schiffsdeck in diesem Zusammenhang einen Nutzen haben kann. Die große räumliche Übersicht des Satelliten und die Beobachtung an einem bestimmten Ort ergänzen einander.

Beim Erfassen der Wolken schaue ich deshalb besonders genau hin. Ich möchte das Gesehene nachvollziehbar beschreiben. Damit bekommt meine Aufmerksamkeit eine weitere Bedeutung: Was ich beobachte, kann über meine eigene Reiseerinnerung hinaus interessant sein.

Zum Tagesprogramm gehört auch die verpflichtende AECO-Einweisung zur Eisbärsicherheit, die im Science Center und im Vortragsraum angeboten wird.

Sie verändert meinen Blick auf die bevorstehenden Anlandungen. Auf einer Reisefotografie steht oft das Tier im Mittelpunkt. In seinem Lebensraum gehört zu einer möglichen Begegnung ein viel größerer Zusammenhang: das Gelände, die Situation, unser Verhalten und die Entscheidungen der Menschen, die uns begleiten.

Wir betreten eine Umgebung, in der unsere Urlaubswünsche nur einen kleinen Teil des Geschehens ausmachen. Das Tier lebt dort unabhängig von unserer Reise. Diesen Gedanken bewusst mitzunehmen, gehört für mich zum Verständnis der Region.

Auch die Kajak-Einweisung hilft dabei, eine mögliche Aktivität genauer einzuschätzen. Vom Schiff aus lässt sich leicht ausmalen, wie es wäre, selbst im kleinen Boot auf dem Wasser unterwegs zu sein. Durch die Einführung bekommen solche Vorstellungen einen praktischen Rahmen. Ich kann mich mit den Anforderungen beschäftigen und überlegen, welche Form der Erkundung zu mir passt.

Am Nachmittag geht es erneut hinaus zur Wildtierbeobachtung. Ich schaue über das Wasser und zwischendurch immer wieder zum Himmel. Die Themen des Tages bleiben draußen gegenwärtig. Formen erkennen, Beobachtungen prüfen, Zusammenhänge suchen – ich beginne, das Gehörte beim Schauen anzuwenden.

Für Alleinreisende gibt es außerdem ein eigenes Treffen. Mir gefällt, dass dafür bewusst Raum geschaffen wird. Wer allein anreist, bekommt eine unkomplizierte Gelegenheit, andere kennenzulernen. Ein gemeinsames Interesse ist bereits vorhanden; daraus können Gespräche und gemeinsame Entdeckungen entstehen.

Am Abend rückt mit dem Vortrag zur grönländischen Küche eine weitere Seite unseres Reiseziels in den Vordergrund.

Nach Eis, Gestein, Wolken und Tierwelt beschäftige ich mich nun mit dem Alltag der Menschen. Eine Küche hängt mit dem zusammen, was in einer Region verfügbar ist, wie Lebensmittel beschafft und verarbeitet werden und welche Gewohnheiten sich entwickelt haben. Essen kann dadurch viel über einen Lebensraum erzählen.

Für mich ergänzt das den Geschichtsvortrag vom Vortag. Grönland gewinnt neben seinen Landschaften ein menschliches Gesicht. Ich werde bei Begegnungen unterwegs auch auf Dinge achten, die im ersten Entwurf meiner Reisevorstellung kaum vorkamen: alltägliche Entscheidungen, überliefertes Wissen und die Verbindung zwischen Menschen und ihrer Umgebung.

Anschließend stellt sich das Expeditionsteam allen Gästen vor. Die Menschen, die uns begleiten, bekommen Namen und Gesichter. Ich weiß nun besser, an wen ich mich mit Fragen wenden kann. Dazu kommen die Informationen über die Pläne für den nächsten Tag. Unsere bevorstehenden Erkundungen werden konkreter.

Fast 471 Kilometer haben wir an diesem Tag zurückgelegt. Gleichzeitig haben sich mehrere neue Zugänge zu Grönland geöffnet: über seine geologische Geschichte, über den Himmel, über das Leben seiner Tiere und über die Kultur seiner Menschen.

Besonders die Wolkenbeobachtung beschäftigt mich noch. Ich habe heute erfahren, dass mein eigener Blick etwas ergänzen kann, was selbst aufwendige Technik aus einer anderen Perspektive erfasst.

Dafür musste ich lernen, genauer hinzuschauen.

Diese Fähigkeit nehme ich mit – in die kommenden Expeditionstage und später auch wieder nach Hause.

Sydkap und die Bäreninseln – Grönland aus nächster Nähe

Tag 4 – Dienstag, 16.09.2025
Position: Sydkap & Bjørneøer North · ca. 176 km zurückgelegt

Die Felsen von Sydkap ziehen meinen Blick nach oben. Nach den Tagen auf See liegt Grönland vor uns, mit steilen Küsten und einer Weite, in der das Auge zunächst nach etwas sucht, woran es sich festhalten kann. Ich versuche, die Landschaft als Ganzes zu erfassen.

Wenig später gehe ich in die Hocke.

Vor mir wächst eine kleine Pflanze dicht über dem Boden. Naturführer Enzo hat unsere Aufmerksamkeit auf die Vegetation der Küstentundra gelenkt. Für einen Moment verschwinden die großen Felsen aus meinem Blickfeld. Diese Expedition führt mich an ihrem ersten Morgen an Land überraschend weit nach unten.

Aus der Nähe hat der Boden eine ganz andere Struktur. Zwischen den niedrigen Pflanzen gibt es Unterschiede, die mir im Stehen kaum aufgefallen sind. Ich betrachte Blätter, Wuchsformen und die kleinen Zwischenräume. Auch Insekten gehören zu Enzos Thema an diesem Vormittag. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf eine Größenordnung, für die ich beim ersten Blick auf die Küste wenig übrig hatte.

Allmählich verstehe ich den niedrigen Wuchs besser. Dicht am Boden und in kompakten Polstern können Tundrapflanzen Wärme und Feuchtigkeit bewahren; sie sind dem Wind weniger ausgesetzt. Ihre Gestalt erzählt davon, unter welchen Bedingungen sie leben. Was aus der Entfernung unscheinbar wirkt, erweist sich aus der Nähe als erstaunlich zweckmäßig.

Ich sehe wieder auf die kleine Pflanze vor mir. Dass sie hier so wächst, hat einen Grund. Diesen Zusammenhang werde ich künftig auch an anderen Stellen erkennen können.

Während wir weitergehen, verändert sich mein Verhalten. Ich warte seltener darauf, dass Enzo uns auf etwas aufmerksam macht. Mein Blick sucht selbst die Vegetation ab. Wo wächst sie dichter? Welche Formen wiederholen sich? Ist dort tatsächlich eine Bewegung oder habe ich mich getäuscht?

Es macht Freude, eine Frage zu haben, bevor jemand die Antwort erklärt.

Dabei merke ich, wie viel ich sonst meinem Gehtempo überlasse. Ein paar Schritte schneller, und diese Stelle wäre einfach unter meinen Schuhen vorbeigezogen. Heute bekommt sie einige Minuten. In diesen Minuten wird sie interessant.

Als ich mich wieder aufrichte, stehen die Felsen noch genauso eindrucksvoll über der Küste. Zu ihrer Größe ist etwas hinzugekommen: eine Vorstellung davon, wie viel Leben sich unten an ihrem Fuß verbirgt. Beim Weitergehen achte ich genauer darauf, wohin ich trete.

An den nördlichen Bäreninseln beschäftigt mich eine andere Art von Spur. Zwischen den rauen Küsten liegen historische Plätze der Thule-Kultur. Sie gehören zur Geschichte der Vorfahren der heutigen Inuit.

Ich versuche, mir diese Küste aus der Sicht ihrer früheren Bewohner vorzustellen. Wo ich heute einen eindrucksvollen Reiseort sehe, mussten sie Bedingungen erkennen, von denen ihr Alltag abhing. Ein geeigneter Zugang zum Wasser, Schutz, Nahrung in erreichbarer Nähe: Solche Fragen geben der Landschaft plötzlich eine andere Ordnung.

Was muss man alles wissen, um hier einen guten Platz auszuwählen?

Ich kann diese Frage beim Blick auf die historischen Stätten längst nicht vollständig beantworten. Aber schon die Frage verändert, worauf ich achte. Die Form einer Bucht, die Beschaffenheit des Ufers, das Verhältnis von Land und Meer werden bedeutsam. Ich beginne zu ahnen, wie viel Erfahrung in Entscheidungen stecken musste, die ein Ortskundiger vielleicht ganz selbstverständlich traf.

Diese Küste hat Menschen getragen, lange bevor wir mit der MS Fram hierherkamen. Der Gedanke begleitet mich weiter. Unsere Ankunft ist ein kurzer Besuch in einer Landschaft mit einer viel längeren menschlichen Geschichte.

Am Nachmittag steige ich ins Kajak.

Gestern haben wir uns beim Briefing auf diese Unternehmung vorbereitet. Jetzt liegt das Paddel in meinen Händen, und aus den Erklärungen wird Bewegung. Ich setze das Blatt ins Wasser, ziehe es durch und spüre, wie das Kajak darauf reagiert. Mit den nächsten Schlägen finde ich allmählich meinen Rhythmus.

Meine Aufmerksamkeit ist sofort gebunden. Eintauchen, ziehen, die Richtung halten, wieder nach vorn sehen. Das Wasser ist dicht neben mir. Jeder Paddelschlag hat ein Geräusch und eine spürbare Wirkung.

Vom Schiff aus konnte ich große Küstenabschnitte mit einem Blick übersehen. Hier unten beansprucht schon ein einzelner Abschnitt meine ganze Aufmerksamkeit. Die Felsen ragen höher über mir auf. Einzelheiten am Ufer treten hervor. Ich bemerke, wie sich die Ansicht mit meiner Position verändert.

Auch Entfernung fühlt sich anders an. Auf dem Schiff zieht die Küste vorbei, während ich an der Reling stehe. Im Kajak steckt in der zurückgelegten Strecke meine eigene Bewegung. Ich kann spüren, was ich gerade geschafft habe.

Zwischendurch halte ich das Paddel ruhig. Das Kajak gleitet noch ein Stück weiter. Ich höre auf, meinen nächsten Schlag vorzubereiten, und schaue zur Küste.

Am Vormittag habe ich gelernt, mich einer Landschaft bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Jetzt erlebe ich sie vom Wasser aus, klein zwischen ihren großen Formen. Beide Perspektiven passen in denselben Tag. Gerade dieser Wechsel macht ihn so reich.

Zurück an Bord genieße ich die Pause. Meine Gedanken wandern noch einmal zu der niedrigen Pflanze, den historischen Plätzen und dem Blick aus dem Kajak. Zu jedem dieser Bilder gehört inzwischen eine Frage oder ein Zusammenhang, den ich morgens noch nicht hatte.

Bei der abendlichen Besprechung erfahren wir, welche Erkundungen für den kommenden Tag vorgesehen sind. Ich höre zu und merke, dass sich meine Neugier verändert hat. Mich interessiert inzwischen auch, was an einem Ort leicht zu übersehen ist.

Für den nächsten Landgang nehme ich mir vor, an einer unscheinbaren Stelle stehen zu bleiben. Heute hat genau dort ein besonders schöner Teil Grönlands begonnen.

Rypenæs und Terrassepynt – Moschusochsen, Wanderungen und ein Bad in Grönland

Tag 5 – Mittwoch, 17.09.2025
Position: Rypenæs & Terrassepynt · ca. 106 km zurückgelegt

An der Küste von Rypenæs ist mein Blick zunächst schneller als meine Füße. Zwischen den Felsen entdecke ich immer wieder einen Abschnitt, den ich mir näher ansehen möchte. Dann schaue ich auf den Boden vor mir und überlege, wohin ich den nächsten Schritt setze.

Für den Vormittag wird eine Wanderung angeboten. Ich schließe mich an, neugierig darauf, wie sich diese Landschaft zu Fuß erschließt.

Das Gelände ist felsig und abwechslungsreich. Mein Schritt findet keinen dauerhaften Rhythmus. Mal komme ich zügig voran, dann nehme ich mir Zeit, suche einen guten Tritt und verlagere vorsichtig mein Gewicht. Mit jedem kleinen Wechsel des Standorts verändert sich auch die Aussicht. Was eben noch hinter einem Felsen verborgen lag, wird sichtbar. Ich bleibe stehen und schaue zurück auf den Abschnitt, den wir bereits zurückgelegt haben.

Dabei bekomme ich allmählich ein Gefühl für diesen Ort. Ich kann einzelne Stellen wiedererkennen, weiß noch, wie ich dort gegangen bin. In die Landschaft mischt sich meine eigene Bewegung.

Das beschäftigt mich mehr, als ich erwartet habe. Vom Schiff aus erscheint eine Küste zunächst als Ansicht. Nach einer Weile zu Fuß kenne ich bereits kleine Eigenheiten: eine Stelle, an der ich langsamer geworden bin, einen Untergrund, der sich gut gehen ließ, einen Aussichtspunkt, an dem ich gern länger geblieben wäre. So entsteht während einer einzigen Wanderung eine erste Vertrautheit.

Am Nachmittag bei Terrassepynt muss ich mich erneut umstellen. Hier führen uns steilere und stellenweise schlammige Abschnitte über das Gelände. Ich prüfe den Boden aufmerksamer, verkürze meine Schritte und passe mein Tempo an.

Es tut gut, sich darauf einzulassen. Der nächste sichere Tritt beansprucht meine Aufmerksamkeit ganz von selbst. Wenn ich anschließend stehen bleibe und den Kopf hebe, nehme ich die Weite besonders deutlich wahr.

Und dort sind sie: Moschusochsen.

Zahlreiche Tiere lassen sich in der Entfernung erkennen. Mein Blick bleibt an ihren gedrungenen Körpern hängen. Ich versuche, ihre Größenverhältnisse zum umliegenden Gelände einzuschätzen, und merke dabei erst, wie schwer Entfernungen in dieser offenen Landschaft zu beurteilen sind.

Eine Weile schaue ich einfach hin.

Dann denke ich an gestern, an Enzo und die kleinen Pflanzen der Tundra. Was wir dort aus nächster Nähe betrachtet haben, gehört zur Nahrungsgrundlage solcher Tiere. Moschusochsen leben unter anderem von Gräsern, Seggen und Weidentrieben. Als Wiederkäuer können sie auch schwer verdauliche Pflanzennahrung wirksam nutzen. Unter den langen äußeren Haaren schützt sie eine dichte, weiche Unterwolle vor der arktischen Kälte.

Plötzlich hängen mehrere Eindrücke dieser Reise zusammen. Der niedrige Pflanzenwuchs, die Bedingungen der Arktis und die großen Tiere vor uns ergeben ein verständlicheres Bild.

Ich lasse meinen Blick von den Moschusochsen über die umgebende Tundra wandern. Diese Fläche muss Nahrung liefern. Hier verbringen die Tiere ihren Alltag. Die Landschaft, durch die wir für einige Stunden gehen, trägt ihr Leben.

Das Wissen darum vertieft die Freude an der Beobachtung. Ich möchte länger bleiben, genauer hinsehen und mir einprägen, wie die Tiere hier in die Weite eingebettet sind.

Ihre Entfernung lässt viel Raum um sie herum. Gerade dadurch sehe ich den Zusammenhang zwischen den Moschusochsen und ihrem Lebensraum. Ich werde mich später vermutlich an dieses ganze Bild erinnern: an die Tiere, die offene Fläche und meinen eigenen Standort irgendwo am Rand dieser Szene.

Dann wartet bei Terrassepynt noch eine Erfahrung, bei der die Entfernung zum Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sehr schnell auf null schrumpfen wird.

Der Polar Plunge.

Bisher habe ich das Wasser Grönlands vor allem betrachtet: von Deck, vom Ufer und gestern aus dem Kajak. Jetzt besteht die Möglichkeit, selbst hineinzugehen.

Solange der Programmpunkt noch bevorsteht, lässt er sich gelassen behandeln. Ein Bad in Grönland – allein der Gedanke hat etwas, das mich reizt. Unmittelbar davor wird die Vorstellung ausgesprochen konkret. Gleich werde ich wissen, wie sich dieses Wasser anfühlt.

Ich zögere.

Es ist ein eigentümlicher Moment: Ich möchte die Erfahrung machen und würde den ersten Kontakt mit der Kälte gleichzeitig gern überspringen. Beides stimmt.

Dann gehe ich hinein.

Die Kälte beansprucht sofort meine ganze Aufmerksamkeit. Für das Nachdenken darüber, wie kalt es wohl werden könnte, ist jetzt kein Platz mehr. Ich spüre das Wasser unmittelbar auf der Haut. Grönland ist in diesem Augenblick eine ausgesprochen körperliche Angelegenheit.

Als ich wieder draußen bin und mich abtrockne, muss ich lachen. Vor wenigen Minuten stand ich noch davor und habe überlegt. Jetzt gehört dieses Bad bereits zu meiner Reise.

Ich freue mich darüber, dass ich mich darauf eingelassen habe. Die Erfahrung ist kurz, deutlich und ganz meine eigene. Künftig werde ich beim Gedanken an diese Küste auch wissen, wie ihr Wasser sich angefühlt hat.

Zurück auf der MS Fram genieße ich es, mich hinzusetzen. In den Beinen stecken die Wanderungen, im Kopf stehen noch die Moschusochsen in der Tundra. Dazwischen taucht immer wieder dieser kurze Augenblick auf, in dem ich ins Wasser gegangen bin.

Bei der abendlichen Vorstellung der Pläne für morgen höre ich aufmerksam zu. Heute haben schon zwei Anlandungen genügt, um sehr unterschiedliche Seiten dieser Küste kennenzulernen.

Vor dem Schlafengehen denke ich noch einmal an die Moschusochsen. Wir sind weitergefahren. Sie sind dort geblieben. In Gedanken sehe ich sie wieder in jener weiten Landschaft, die für einige Stunden auch zu meiner eigenen Erfahrung geworden ist.

Harefjord und Rødepynt – Was Eis und rote Felsen erzählen

Tag 6 – Donnerstag, 18.09.2025
Position: Harefjord & Rødepynt · ca. 46 km zurückgelegt

Im Harefjord führt uns die morgendliche Wanderung zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Gletscher. Schon unterwegs freue ich mich darauf, oben stehen zu bleiben und die Landschaft in Ruhe zu betrachten.

Zunächst beansprucht allerdings der Boden meine Aufmerksamkeit. Felsige, schlammige und steilere Abschnitte wechseln einander ab. Ich suche einen guten Tritt, gehe weiter und schaue immer wieder auf. Das angenehme Wetter macht es leicht, sich Zeit zu lassen.

Als wir den Aussichtspunkt erreichen, bleibt mein Blick zunächst am Eis hängen.

Dann wandert er weiter: über das umgebende Gelände, entlang der Hänge, hinaus in den Fjord. Ich versuche, die Entfernungen einzuschätzen und die einzelnen Teile dieser weiten Landschaft miteinander zu verbinden. Dafür brauche ich länger als für einen ersten bewundernden Blick.

Hier oben fällt mir wieder ein, was wir während der Seetage über die Fjorde Ostgrönlands gehört haben. Damals saß ich im Vortrag und versuchte, mir die Vorgänge vorzustellen. Jetzt habe ich eine Landschaft vor Augen, an der diese Gedanken Halt finden.

Ein Gletscher fließt unter seinem eigenen Gewicht. Dabei kann er Gestein abtragen und mitgeführtes Material über den Untergrund bewegen. Über lange Zeiträume formt diese Arbeit Täler und verändert ganze Landschaften.

Ich schaue wieder zum Eis.

Während unseres Aufenthalts kann ich seine Bewegung mit bloßem Auge nicht verfolgen. Gerade das beschäftigt mich. Vor mir liegt etwas, das unbeweglich erscheint und dennoch fortwährend unterwegs ist. Die Landschaft verändert sich in einem Tempo, für das mein kurzer Besuch kaum ein Maß bietet.

Ich versuche, mir dieselbe Ansicht über einen viel längeren Zeitraum vorzustellen. Wo würde Eis liegen? Welche Flächen wären frei? Wie würden sich die Formen verändern?

Der Aussichtspunkt gibt diesen Fragen Raum. Von hier aus kann ich meinen Blick zwischen Eis und Gelände wandern lassen und Zusammenhänge suchen. Ich merke, wie sehr mir das gefällt: etwas Schönes anzusehen und dabei allmählich mehr davon zu verstehen.

Auf dem Rückweg bleiben meine Gedanken beim Gletscher. Auch die Felsen unter meinen Schuhen erscheinen mir nun als Teile einer langen Geschichte. Ich frage mich häufiger, wie eine bestimmte Form entstanden sein könnte. Längst kann ich nicht alles erklären. Aber ich weiß inzwischen besser, worauf ich neugierig bin.

Am Nachmittag bei Rødepynt ist es zunächst die Farbe, die mich einnimmt.

Das kräftige Rot gibt dieser Küste einen ganz eigenen Charakter. Nach dem morgendlichen Blick auf den Gletscher wirkt der Wechsel besonders eindrucksvoll. Ich bleibe stehen und lasse die Farbe auf mich wirken, bevor ich mich mit Einzelheiten beschäftige.

Die roten Konglomeratfelsen haben dem Kap seinen Namen gegeben.

Konglomerat: Der Begriff führt mich gedanklich zurück zu unserem Gesteinsworkshop an Bord. Seitdem interessiert mich bei einem Stein auch, woraus er zusammengesetzt ist und was sich daraus über seine Entstehung erfahren lässt.

Ein Konglomerat enthält gerundete Gesteinsstücke, die später zu einem festen Gestein verbunden wurden. Die Rundungen können davon erzählen, wie Wasser die Fragmente während ihres Transports abgeschliffen hat.

Ich versuche, mir diesen Vorgang vorzustellen. Gestein zerbricht. Einzelne Stücke werden bewegt, stoßen aneinander, verlieren scharfe Kanten und lagern sich wieder ab. Aus solchen Ablagerungen entsteht schließlich erneut festes Gestein.

Diese Vorstellung bringt Bewegung in die roten Felsen vor mir.

Was heute zusammengehört, war einmal unterwegs. Der Gedanke gefällt mir. Er lässt mich länger hinschauen, nach Strukturen suchen und über die Vorgeschichte dieses Ortes nachdenken.

Während der Wanderung bei Rødepynt wechseln deshalb große und kleine Ansichten einander ab. Ich betrachte die farbige Landschaft als Ganzes, dann wieder den Boden in meiner Nähe. Manchmal genügt ein Detail, um eine neue Frage auszulösen.

Dabei wird mir bewusst, wie sich die einzelnen Tage unserer Reise ergänzen. Der Workshop auf See wirkt bis hierher nach. Eine Erklärung, die damals interessant war, hilft mir heute bei einer eigenen Entdeckung. Ich kann etwas mit ihr anfangen.

Im Laufe des Tages steht erneut ein Polar Plunge auf dem Programm. Einige Mitreisende nutzen die Gelegenheit für das Bad im kalten Wasser.

Seit gestern weiß ich sehr genau, was hinter diesem Programmpunkt steckt. Beim Zuschauen erinnere ich mich an mein eigenes Zögern und an den unmittelbaren Kontakt mit der Kälte. Die Erinnerung ist noch so frisch, dass ich unwillkürlich lächeln muss.

Zu dieser Reise gehören offenbar sehr unterschiedliche Arten, etwas zu begreifen. Beim Gletscher brauche ich Geduld und Vorstellungskraft. Das kalte Wasser gestern hatte sich augenblicklich erklärt.

Zurück an Bord freue ich mich auf die Pause nach den beiden Wanderungen. Bei der abendlichen Präsentation erfahren wir, welche Erkundungen für den nächsten Tag vorgesehen sind. Ich höre die Ortsnamen und merke, dass ich inzwischen zusätzliche Fragen im Kopf habe: Welche Formen werden uns dort begegnen? Welche Gesteine? Was werde ich selbst wiedererkennen?

Später denke ich noch einmal an den Aussichtspunkt im Harefjord. In meiner Erinnerung liegt der Gletscher ruhig zwischen den Hängen.

Dass dieses Eis in Bewegung ist, werde ich künftig immer mitsehen.

Bjørneøer – Ein Vormittag zwischen schwimmenden Bergen

Tag 7 – Freitag, 19.09.2025
Position: Bjørneøer · ca. 90 km zurückgelegt

Ich fotografiere denselben Eisberg zum zweiten Mal. Dann ein drittes Mal.

Während unser Zodiac weiterfährt, verändert sich seine Gestalt. Eine Kante, die eben noch die ganze Ansicht bestimmt hat, tritt zurück. Dahinter wird eine weitere Fläche sichtbar. Licht fällt auf einen anderen Abschnitt, Schatten geben dem Eis Tiefe. Ich hatte bereits geglaubt, diesen Eisberg gesehen zu haben.

Dabei kannte ich erst eine Seite.

Über den Bäreninseln scheint die Sonne. Das Wasser liegt ruhig, und wir haben ausgesprochen angenehme Bedingungen für unsere Zodiacfahrt. Die Eisberge heben sich deutlich vor ihrer Umgebung ab. Ihre Spiegelungen ziehen den Blick bis auf die Wasseroberfläche hinunter.

Ich sitze niedrig im Boot. Von hier aus bekommen die Eismassen eine andere Wirkung als vom Deck der MS Fram. Mein Blick wandert an ihnen hinauf. Schon eine einzelne Flanke kann meine Aufmerksamkeit ganz beanspruchen.

Zunächst genieße ich einfach die Formen.

Es gibt so viel anzusehen, dass ich immer wieder neu entscheide, worauf ich mich konzentriere. Die Umrisse, die unterschiedlichen Neigungen der Flächen, die Übergänge zwischen hellen und schattigen Partien. Dazu das ruhige Wasser, auf dem die mächtigen Gebilde beinahe schwerelos wirken.

Dann denke ich an den Gletscher, den wir gestern vom Aussichtspunkt im Harefjord betrachtet haben.

Dort lag das Eis noch im Zusammenhang mit der Landschaft. Hier begegnen wir losgelösten Teilen solcher Eismassen. Ich weiß nicht, von welchem Gletscher die einzelnen Eisberge vor uns stammen. Aber ich beginne, ihren Weg gedanklich zurückzuverfolgen.

Am Anfang steht Schnee, der an Land fällt und liegen bleibt. Weitere Schneeschichten kommen hinzu, verdichten die älteren, bis daraus über lange Zeit Gletschereis entsteht. Dieses Eis bewegt sich. An einer ins Wasser reichenden Gletscherfront können schließlich Teile abbrechen und als Eisberge davontreiben.

Ich schaue wieder zu der hellen Masse vor uns.

Die Vorstellung, dass dieses Eis einmal als Schnee gefallen ist, beschäftigt mich. In seiner heutigen Form steckt ein langer Weg: vom einzelnen Schneefall über den Gletscher bis hierher in die Bucht.

Gestern habe ich versucht, mir die langsame Bewegung des Gletschers vorzustellen. Heute sehe ich, wohin ein solcher Weg führen kann.

Unser Zodiac verändert seine Position, und wieder erscheint eine andere Ansicht. Ich entdecke, wie stark mein erster Eindruck von dem Blickwinkel abhing, aus dem wir uns genähert haben. Was flach wirkte, bekommt Tiefe. Einzelne Formen lösen sich optisch voneinander.

Ich merke, dass mir dieses Erkunden Freude macht. Meine Neugier hält an, obwohl ich schon eine ganze Weile auf denselben Eisberg schaue.

Dann richtet sich mein Blick auf die Wasserlinie.

Rund neun Zehntel des Volumens eines schwimmenden Eisbergs befinden sich unter Wasser.

Den Satz kenne ich. Hier im Zodiac versuche ich zum ersten Mal an diesem Tag ernsthaft, ihn auf das anzuwenden, was vor mir liegt.

Schon die sichtbare Eismasse ist schwer zu überblicken. Wie viel muss sich darunter fortsetzen? Welche Ausdehnung hat dieser Körper in der Tiefe?

Ich kann seine Unterwasserform von meinem Platz aus nicht erkennen. Trotzdem verändert das Wissen meinen Eindruck. Unter der ruhigen Oberfläche setzt sich etwas Großes fort, dessen Umrisse mir verborgen bleiben.

Das Wasser erscheint mir plötzlich tiefer.

Es ist erstaunlich, wie eine einzelne Information einen Anblick verändern kann. Der Eisberg hat sich für meine Augen kaum verändert. Meine Vorstellung von ihm ist wesentlich größer geworden.

Im Sonnenschein fallen mir anschließend wieder die Oberflächen auf. Ich verfolge Linien, schaue auf Übergänge und versuche, mir die Form einzuprägen. Dabei wird mir bewusst, dass auch diese Gestalt nur vorübergehend besteht. Eisberge schmelzen und können auseinanderbrechen; ihre Konturen verändern sich auf ihrer weiteren Reise.

Die Form, die ich gerade fotografiere, lässt sich für einen späteren Besuch nicht bestellen.

Dieser Gedanke macht mich ruhig und aufmerksam. Ich möchte genauer hinsehen, solange wir hier sind. Einige Ansichten halte ich mit der Kamera fest. Bei anderen beobachte ich einfach, wie sie sich während unserer Fahrt verändern.

Die angenehmen Bedingungen schenken uns dafür einen schönen Rahmen. Sonne, ruhiges Wasser und die niedrige Perspektive des Zodiacs bringen die Formen besonders deutlich zur Geltung. Ich habe das Gefühl, dass mein Blick mit jeder Minute mehr zu tun bekommt.

Zurück an Bord begleiten mich die Eisberge in die Präsentationen und Vorträge über die arktische Umwelt.

Die Eindrücke draußen haben Fragen geweckt. Ich höre mit einer anderen Aufmerksamkeit zu, weil ich meine Beobachtungen einordnen möchte. Zwischen den Erklärungen tauchen in meinem Kopf immer wieder konkrete Bilder auf: die Wasserlinie an einer Eisflanke, ein Schatten, die große Masse über dem kleinen Zodiac.

Später sehe ich mir meine Aufnahmen an. Die drei Bilder desselben Eisbergs liegen unmittelbar nebeneinander. Auf jedem wirkt er anders.

Ich weiß noch, warum ich jedes einzelne gemacht habe. Beim ersten hatte mich die Form überrascht. Beim zweiten hatte ich eine weitere Seite entdeckt. Beim dritten wollte ich festhalten, wie viel sich verändert, wenn man noch ein wenig länger hinsieht.

Antarctic Havn – Fragen, die mit an Land gehen

Tag 8 – Samstag, 20.09.2025
Position: Antarctic Havn · ca. 449 km zurückgelegt

Heute bewegt sich schon der Boden unter meinen Füßen, bevor unsere Wanderung beginnt.

Auf dem Weg nach Antarctic Havn haben wir hohen Seegang. Die MS Fram arbeitet sich durch das bewegte Wasser. Nach der ruhigen Zodiacfahrt von gestern fühlt sich dieser Morgen deutlich anders an. Bei der Tierbeobachtung am Bug schaue ich über eine Meeresoberfläche, auf der ständig etwas meine Aufmerksamkeit beansprucht.

Eine Bewegung zu entdecken und zu erkennen, was sie verursacht hat, sind unter diesen Bedingungen zwei verschiedene Aufgaben. Ich versuche, meinen Blick länger auf einzelnen Bereichen zu halten. Das Meer macht es mir nicht leicht.

Drinnen geht die Suche auf andere Weise weiter. Eine Schnitzeljagd führt durch das Schiff. Ich lasse mich darauf ein und merke, wie schnell mich die Aufgaben beschäftigen. Auf Wegen, die mir inzwischen vertraut sind, schaue ich wieder genauer hin. Für eine Weile gehört meine ganze Aufmerksamkeit der nächsten Lösung.

Es macht Spaß, sich so leicht in eine Suche hineinziehen zu lassen.

Der Vortrag über arktische Geopolitik lenkt meine Gedanken anschließend auf größere Zusammenhänge. Während der vergangenen Tage haben mich vor allem die Küsten, das Eis und die Tiere beschäftigt. Jetzt rücken Menschen und ihre Interessen stärker in den Vordergrund.

Die Arktis ist für viele Menschen Heimat. Zu ihrem Alltag gehören Fragen nach Arbeit, Bildung, Versorgung und der Entwicklung ihrer Gemeinden.

Ich denke darüber nach, wie unterschiedlich ein und dieselbe Region betrachtet werden kann. Ich bin für eine begrenzte Zeit hier und wünsche mir eindrucksvolle Naturerlebnisse. Wer hier lebt, muss seine Zukunft an diesem Ort gestalten.

Daraus entstehen für mich Fragen: Wer entscheidet über Veränderungen? Welche Interessen treffen aufeinander? Wie lassen sich wirtschaftliche Möglichkeiten und der Schutz der Natur miteinander verbinden?

Beim Zuhören merke ich, dass mein Bild von Grönland vollständiger wird. Zu den Landschaften, die mich begeistern, gehören Entscheidungen, deren Folgen weit über meinen Aufenthalt hinausreichen. Wenn ich künftig Nachrichten über diese Region höre, werde ich konkrete Küsten, Entfernungen und Lebensbedingungen damit verbinden können.

Im praktischen Workshop mit eBird und iNaturalist geht es danach wieder um das genaue Beobachten.

Diesmal bekomme ich Werkzeuge dafür an die Hand.

Bei eBird lassen sich Vogelbeobachtungen mit Angaben zu Ort, Zeitpunkt, Anzahl und Beobachtungsaufwand erfassen. Solche Informationen helfen dabei, Sichtungen einzuordnen: Es macht einen Unterschied, ob jemand kurz innehält oder über längere Zeit aufmerksam beobachtet.

Diese Überlegung bleibt bei mir hängen. Eine Beobachtung hat Bedingungen. Wenn ich sie festhalte, können andere besser verstehen, was meine Angaben aussagen.

iNaturalist eröffnet einen weiteren Zugang. Fotos oder Tonaufnahmen können helfen, ein beobachtetes Lebewesen zu bestimmen. Andere Beteiligte können die Bestimmung prüfen, ergänzen oder verbessern. Wenn die Merkmale für eine genaue Artbestimmung nicht ausreichen, darf die Zuordnung entsprechend allgemeiner bleiben.

Das finde ich ermutigend. Ich kann sorgfältig beobachten, auch wenn ich einen Namen noch nicht kenne. Entscheidend ist zunächst, brauchbare Merkmale festzuhalten und bei dem zu bleiben, was ich tatsächlich erkennen kann.

Ich denke an den Vormittag mit Enzo in der Tundra. Wie viele Einzelheiten hatte er uns damals erschlossen. Jetzt bekomme ich eine Vorstellung davon, wie ich solche Entdeckungen selbst weiterverfolgen könnte: genauer fotografieren, den Fundort festhalten, eine offene Frage mitnehmen.

Dabei verändert sich auch mein Gedanke an ein Naturfoto. Neben einer schönen Aufnahme kann ein Bild entstehen, auf dem gerade jene Merkmale erkennbar sind, die später bei der Bestimmung helfen. Ich beginne, beide Möglichkeiten mitzudenken.

Den späteren Vortrag über Eisberge verfolge ich auf dem Kabinenfernseher. Die Bilder des gestrigen Tages sind noch frisch genug, dass ich sofort wieder gedanklich im Zodiac sitze.

Gestern hatte mich beschäftigt, wie viel eines Eisbergs unter Wasser verborgen bleibt. Heute bekommt dieser unsichtbare Teil eine weitere Bedeutung. Strömungen wirken auf ihn ein und beeinflussen die Drift. Auch Wind und Wellen spielen eine Rolle.

Ich stelle mir die Eisberge zwischen den Bäreninseln noch einmal vor. Über Wasser hatte ich ihre Formen betrachtet. Unter der Oberfläche setzte sich gleichzeitig eine Bewegung fort, deren Ursachen meinem Blick weitgehend entzogen waren.

Am Nachmittag gehen wir in Antarctic Havn an Land.

Nach den Stunden auf dem bewegten Schiff freue ich mich darauf, wieder eine längere Strecke zu Fuß zurückzulegen. Ich schließe mich der ausgedehnten geführten Wanderung an. Das unebene, stellenweise rutschige Gelände verlangt Aufmerksamkeit. Mein Tempo ergibt sich aus dem Untergrund und dem nächsten sicheren Schritt.

Eine Zeit lang wird mein Denken angenehm einfach. Schauen, den Fuß setzen, das Gewicht verlagern, weitergehen.

Dann öffnet sich der Blick, und ich bleibe stehen.

Die Aussicht bekommt durch den zurückgelegten Weg eine besondere Wirkung. Ich habe diesen Standort Schritt für Schritt erreicht. In den Beinen spüre ich die Strecke, während mein Blick über die Landschaft wandert. Ich nehme mir Zeit, bevor ich weitergehe.

Die Fragen vom Vormittag sind dabei noch da. Bei den kleinen Dingen am Weg interessiert mich, welche Merkmale ich genauer betrachten müsste. Beim Blick in die Weite denke ich an die Abgeschiedenheit dieses Ortes und daran, was Entfernung für Menschen im Alltag bedeuten kann.

Am Abend blicken wir mit dem Expeditionsteam auf den Tag zurück. Die Erklärungen an Bord und die Stunden draußen haben sich miteinander verbunden.

Besonders beschäftigt mich eine Möglichkeit, die heute greifbar geworden ist: Ich kann eine Entdeckung mit nach Hause nehmen, auch wenn ihre Erklärung noch offenbleibt.

Ein Foto, ein genauer Ort, ein Datum und eine ehrliche Frage können der Anfang sein. Ich freue mich schon darauf, bei der nächsten Begegnung genauer hinzusehen.

Waltershausen-Gletscher und Lakse Elv – Grönland nimmt auf meinem Papier Gestalt an

Tag 9 – Sonntag, 21.09.2025
Position: Waltershausen-Gletscher & Nordfjord Lakse Elv · ca. 283 km zurückgelegt

Vor dem Waltershausen-Gletscher fällt es mir schwer, meinen Blick auf einen einzigen Abschnitt zu beschränken. Wir sind mit dem Zodiac im Nordfjord unterwegs, an dessen innerem Ende der Gletscher liegt.

Die Eisformationen beanspruchen meine ganze Aufmerksamkeit. Ich schaue entlang ihrer Umrisse, bleibe an einzelnen Formen hängen und versuche, ihre Größenverhältnisse zu erfassen. Sobald sich unsere Position verändert, ordnen sich die Flächen vor mir neu.

Inzwischen habe ich auf dieser Reise schon viel Eis gesehen. Trotzdem stellt sich heute wieder dieses Verlangen ein, länger hinzuschauen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mehr damit anfangen kann.

Ich denke an die Bewegung der Gletscher, an das gewaltige Gewicht des Eises und die Kräfte, die darin wirken. Eis kann sich unter Belastung verformen. Werden die Spannungen zu groß, entstehen Brüche und Spalten.

Mit diesem Gedanken betrachte ich die Formen vor uns erneut. Die unregelmäßige Oberfläche bekommt eine Geschichte. Ich frage mich, wo Eis auseinandergezogen, gedrückt oder verändert worden ist. Einzelne Vorgänge kann ich von meinem Platz aus natürlich nicht rekonstruieren. Aber ich habe eine Vorstellung davon, weshalb diese Landschaft so vielgestaltig sein kann.

Während der Fahrt suche ich mir einen Ausschnitt, den ich mir besonders gut einprägen möchte. Mein Blick folgt seiner oberen Kontur. Dann schaue ich auf die Flächen darunter, auf helle und dunklere Bereiche, auf das Verhältnis zwischen Wasser und Eis.

Noch weiß ich nicht, wie gründlich mich dieser Anblick später beschäftigen wird.

Beim Workshop „Polar Painting“ sitze ich vor einem Blatt Papier und möchte etwas von diesem Vormittag festhalten.

Zunächst scheint die Aufgabe überschaubar. Ich habe das Eis schließlich gerade erst gesehen. In meinem Kopf ist der Eindruck deutlich: Größe, unregelmäßige Formen, Wasser davor.

Sobald ich anfange, kommen die Fragen.

Wie verlief diese Kontur genau? Welcher Abschnitt war besonders auffällig? Wodurch wirkte die Eismasse so groß?

Ich setze eine Linie und betrachte sie. Sie ist mir zu gleichmäßig geraten. In meiner Erinnerung hatte gerade die Unregelmäßigkeit den Blick festgehalten. Also arbeite ich weiter, verändere den Verlauf und ergänze eine Fläche.

Allmählich verstehe ich besser, was ich darstellen möchte.

Die Größe des Gletschers hängt in meinem Bild auch davon ab, wie viel Raum ich ihm gebe. Die dunkleren Partien lassen die hellen Flächen hervortreten. Eine kleine Veränderung kann den ganzen Eindruck verschieben.

Diese Beschäftigung macht mir überraschend viel Freude. Ich kehre beim Malen immer wieder zu einzelnen Augenblicken der Zodiacfahrt zurück. Ich sehe mich im Boot sitzen, erinnere mich an meine Blickrichtung und daran, welcher Abschnitt meine Aufmerksamkeit gebunden hatte.

Am ersten Seetag hatten wir Polarpostkarten gestaltet. Damals standen viele Erlebnisse noch bevor. Für das heutige Bild habe ich inzwischen eigene Begegnungen, auf die ich zurückgreifen kann.

Das merke ich bei jeder Entscheidung.

Ich möchte eine bestimmte Wirkung wiederfinden. Dafür muss ich auswählen. Einige Einzelheiten lasse ich weg, andere bekommen mehr Raum. Während das Bild entsteht, wird mir klarer, was mich an diesem Vormittag besonders angesprochen hat.

Irgendwann lege ich das Malwerkzeug zur Seite und schaue auf mein Blatt. Ich erkenne darin meinen Versuch, die Größe des Eises zu begreifen. Das gefällt mir. Mit jeder bearbeiteten Stelle verbinde ich jetzt eine Beobachtung oder eine Entscheidung.

Später gehen wir bei Lakse Elv an Land.

Hier richtet sich meine Aufmerksamkeit wieder nach draußen. Die Anlandung bietet Gelegenheit, die Umgebung zu Fuß zu erkunden und nach Tieren Ausschau zu halten. Nach der konzentrierten Arbeit am Bild tut es gut, den Blick wieder über eine wirkliche Landschaft wandern zu lassen.

Ich ertappe mich dabei, ihre Formen bewusster wahrzunehmen. Eine Geländelinie zieht meinen Blick weiter. Eine Fläche davor verändert, wie groß der Hintergrund erscheint. Das Malen hat Fragen hinterlassen, die ich jetzt draußen wiedererkenne.

Am Nachmittag nehme ich an der längeren Wanderung über das raue Gelände teil.

Die Füße haben dabei ebenso viel zu tun wie die Augen. Der Untergrund verlangt einen aufmerksamen Schritt, und ich finde allmählich einen Rhythmus, der zu mir und zur Strecke passt. An anspruchsvolleren Stellen nehme ich Tempo heraus. Wo es leichter geht, kann mein Blick wieder weiterwandern.

Dabei spüre ich, dass die vergangenen Tage etwas verändert haben. Vieles ist mir vertrauter geworden. Ich weiß inzwischen besser, wie ich meine Schritte setze und wann eine kurze Pause angenehm ist.

Diese Vertrautheit macht den Weg erfreulich. Ich kann mich auf die Umgebung einlassen und zugleich wahrnehmen, wie ich selbst darin zurechtkomme.

Bei einer Pause schaue ich zurück. Die Strecke, die wir zurückgelegt haben, ist nun mit ganz konkreten Erinnerungen verbunden. Ich weiß noch, wo ich langsamer geworden bin und an welcher Stelle sich eine andere Ansicht geöffnet hat. Im Kopf fügt sich daraus ein räumliches Bild zusammen.

Zurück an Bord freue ich mich darauf, die Beine auszuruhen. Bei der Präsentation im Vortragssaal werden die Erlebnisse des Tages noch einmal aufgegriffen, anschließend erfahren wir, was als Nächstes vorgesehen ist.

Später nehme ich mein gemaltes Bild erneut zur Hand.

Mein Blick bleibt an der Linie hängen, die ich mehrmals verändert habe. Ich weiß noch genau, wonach ich dabei gesucht habe. Sofort ist der Vormittag wieder da: das Zodiac, der Gletscher und mein Versuch, diese gewaltigen Formen mit den Augen zu erfassen.

Auf dem Papier ist daraus ein kleines Bild geworden. Ich möchte es behalten.

Blomsterbugt und Ella Ø – Ein Haus bekommt eine andere Bedeutung

Tag 10 – Montag, 22.09.2025
Position: Blomsterbugt & Ella Ø · ca. 71 km zurückgelegt

Am felsigen Ufer von Blomsterbugt beginnt unser Tag mit einer Wanderung. Ich schließe mich der Gruppe an, die über das unebene Gelände weiter hinein in die Landschaft geht.

Inzwischen gehören diese Aufbrüche zu den Dingen, auf die ich mich morgens freue. Aussteigen, festen Boden unter den Füßen haben und einen Ort Schritt für Schritt kennenlernen. Jeder Weg eröffnet andere Ansichten.

Heute lockt die Aussicht.

Während wir vorankommen, weitet sich der Blick. Ich bleibe immer wieder stehen, um die Formen des Geländes zu betrachten. An manchen Stellen braucht der Untergrund meine volle Aufmerksamkeit. Dann kann ich den Kopf wieder heben und weiter in die Landschaft schauen.

Bei einer Pause versuche ich, mir die Ausdehnung der Umgebung vorzustellen. Das Auge erreicht mühelos Punkte, zu denen wir zu Fuß lange unterwegs wären. Unsere Wanderung erschließt nur einen kleinen Ausschnitt.

Diese Erfahrung begleitet mich auf den weiteren Weg. Die Weite bekommt ein Maß durch die Strecke, die ich selbst zurücklege. Ich spüre, wie viel Landschaft zwischen zwei Punkten liegen kann, die auf den ersten Blick nahe beieinander erscheinen.

Später landen wir auf Ella Ø.

Hier bleibt mein Blick an etwas hängen, das im Alltag kaum meine Aufmerksamkeit beanspruchen würde: einem Gebäude.

Eine Wand, Fenster, eine Tür. Nach den vergangenen Tagen fallen mir diese vertrauten Formen sofort auf. An Land haben zuletzt Felsen, Tundra, Eis und Wasser meine Eindrücke bestimmt. Jetzt sehe ich wieder einen Ort, den Menschen für ihren Aufenthalt eingerichtet haben.

Ich betrachte die Station und stelle mir vor, hier für längere Zeit zu arbeiten.

Schon die gewöhnlichen Dinge bekommen unter diesen Bedingungen Gewicht. Lebensmittel müssen rechtzeitig vorhanden sein. Geräte sollen funktionieren, Reparaturen müssen möglich sein. Was braucht man, wenn die nächste Gelegenheit, etwas zu beschaffen, weit entfernt liegt?

Auf unserem Schiff wird vieles davon für uns organisiert. Hier an Land beginne ich, den Aufwand dahinter bewusster wahrzunehmen.

Ella Ø hat eine lange Forschungsgeschichte. Lauge Koch ließ hier 1931 eine wissenschaftliche Station errichten. Später wurde der Ort auch militärisch genutzt und mit der Schlittenpatrouille Sirius verbunden.

Die Jahreszahl beschäftigt mich.

1931: Menschen kamen hierher, richteten sich ein und machten diesen abgelegenen Ort zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Sie mussten beobachten, vermessen, dokumentieren und zugleich ihren Alltag bewältigen.

Ich versuche, mir einen Abend nach einem solchen Arbeitstag vorzustellen. Die Ausrüstung wird abgelegt, Ergebnisse werden festgehalten, Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen. Draußen liegt dieselbe große Landschaft, die wir gerade auf einer Reise kennenlernen.

Mit dieser Vorstellung verändert sich mein Blick auf die Gebäude. In ihnen steckt die Voraussetzung dafür, über längere Zeit hierbleiben zu können. Forschung braucht solche unscheinbaren, praktischen Grundlagen.

Auch der Vortrag über arktische Geopolitik von vor zwei Tagen fällt mir wieder ein. Hier bekommt die menschliche Präsenz in dieser Region eine sichtbare Form. Aufgaben und Interessen, über die wir an Bord gesprochen haben, gehören an solchen Orten zum Alltag.

Am Nachmittag entdecken wir Moschusochsen beim Grasen.

Ich freue mich sofort über das Wiedersehen. Ihre gedrungenen Körper wirken inzwischen vertrauter. Diesmal bleibe ich mit meiner Aufmerksamkeit länger bei ihrer Beschäftigung. Die Tiere haben die Köpfe zur Vegetation gesenkt und sind mit der Nahrungssuche beschäftigt.

Ich schaue auf das Gelände um sie herum.

Vor einigen Tagen hatten mich die kleinen Pflanzen der Tundra überrascht. Dann hatte ich erfahren, wie Moschusochsen diese Nahrung nutzen können. Jetzt sehe ich den Zusammenhang vor mir: die niedrige Vegetation und die großen Tiere, die davon leben.

Das Beobachten bekommt dadurch etwas Ruhiges. Ich habe Zeit, mich mit einer alltäglichen Tätigkeit dieser Tiere zu beschäftigen. Gerade darin liegt für mich ein besonderer Reiz. Wir dürfen für eine Weile ihrem Leben zusehen.

Als wir später zur MS Fram zurückkehren, bleiben mir zwei Bilder besonders gegenwärtig: die Station auf Ella Ø und die grasenden Moschusochsen.

An Bord führt der Vortrag über die Entstehung des grönländischen Eisschildes und seine Reaktion auf das Klima die Gedanken weiter.

Ich habe während dieser Reise gewaltige Eismassen gesehen. Ihre Größe ist eindrucksvoll. Um ihre Entwicklung zu verstehen, brauche ich jedoch einen anderen Maßstab.

Schnee trägt zum Aufbau des Eisschildes bei. Schmelzwasser und der Abfluss von Eis über die Gletscher gehören zu den Verlusten. Entscheidend ist, wie sich diese Größen über die Zeit zueinander verhalten. Einzelne Jahre können stark schwanken; längere Messreihen machen Entwicklungen erkennbar.

Das leuchtet mir ein und verändert zugleich, was ich künftig wissen möchte.

Wenn ich einen großen Gletscher sehe, kann ich seine Erscheinung beschreiben. Ob er an Masse gewinnt oder verliert, lässt sich erst durch Vergleiche und Messungen beurteilen. Ich beginne besser zu verstehen, welche Arbeit hinter Aussagen über das Eis steckt.

Dabei denke ich wieder an Ella Ø. Die Station, die wir besucht haben, gibt meiner Vorstellung von Forschungsarbeit einen konkreten Rahmen. Zu den Ergebnissen gehören Menschen, Instrumente, Versorgung und die Bereitschaft, immer wieder genau hinzusehen.

Die anschließende Reisepräsentation über die Galápagosinseln öffnet den Blick auf eine andere Region. Ich merke, dass meine Neugier während dieser Expedition gewachsen ist. Bei einem neuen Reiseziel interessieren mich inzwischen auch die Zusammenhänge: Was prägt die Landschaft? Wovon leben die Tiere? Welche Fragen kann man vor Ort besser verstehen?

Beim abendlichen Rückblick des Expeditionsteams ziehen die Stationen des Tages noch einmal an mir vorbei.

Besonders deutlich erinnere ich mich an meinen ersten Blick auf die Gebäude von Ella Ø. Nach all den großen Landschaften hatte ein vertrautes Detail genügt, um mich festzuhalten.

Ein Fenster in einer Hauswand. Dahinter konnte jemand sitzen, seine Beobachtungen aufschreiben und daran arbeiten, diese weite Umgebung ein wenig besser zu verstehen.

Alpefjord und Segelsällskapet – Was das Licht sichtbar macht

Tag 11 – Dienstag, 23.09.2025
Position: Alpefjord & Segelsällskapet · ca. 122 km zurückgelegt

Im Alpefjord erwischen wir einen dieser Vormittage, an denen ich meinen Blick kaum von der Landschaft lösen möchte.

Wir sind mit dem Zodiac beim Gletscher unterwegs. Das Wetter ist hervorragend. Das Eis tritt deutlich vor seiner Umgebung hervor, und während wir fahren, wechseln große Ansichten mit einzelnen Formen, die meine Aufmerksamkeit festhalten.

Ich schaue auf die hellen Eisflächen, dann auf das Wasser und die Felsen. Die Unterschiede sind eindrucksvoll. Manche Partien ziehen den Blick sofort an, andere geben ihre Einzelheiten erst beim längeren Hinsehen preis.

Seit dem Malworkshop beschäftige ich mich stärker mit solchen Übergängen. Ich achte darauf, wodurch eine Fläche hervortritt und wie Schatten ihr Tiefe geben. Heute bietet die Landschaft dafür reichlich Gelegenheit.

Dazu kommt die Freude, wieder im Zodiac zu sitzen und diesen Ort vom Wasser aus zu erleben. Der Gletscher beansprucht einen großen Teil meines Blickfeldes. Ich verfolge seine Formen und genieße die Bedingungen, unter denen wir ihn betrachten können.

Das Licht wird zum Thema dieses Tages.

Zum Vormittagsprogramm an Bord gehört ein Vortrag über den Albedo-Effekt. Der Begriff bezeichnet den Anteil der einfallenden Sonnenstrahlung, den eine Oberfläche zurückwirft. Helle Schnee- und Eisflächen reflektieren viel davon; dunklere Oberflächen nehmen im Allgemeinen einen größeren Anteil auf.

Dazu habe ich sofort Bilder im Kopf.

Das helle Eis im Alpefjord. Das Wasser davor. Die Felsen daneben. Dieselbe Sonne trifft auf sehr unterschiedliche Oberflächen.

Ich beginne zu verstehen, was daraus folgt. Wenn eine helle Schneedecke verschwindet und dunklerer Untergrund freiliegt, kann dieser mehr Sonnenenergie aufnehmen. Die zusätzliche Erwärmung kann wiederum weiteres Schmelzen fördern. Eine Veränderung verstärkt damit unter bestimmten Bedingungen ihre eigene Ursache.

Gestern ging es um die Bilanz des grönländischen Eisschildes. Heute bekomme ich einen Mechanismus erklärt, der diese Bilanz beeinflusst.

Das macht den Zusammenhang für mich anschaulicher. Ich kann an die Landschaft denken, die ich gerade erlebt habe, und die Erklärung daran nachvollziehen. Ihr Aussehen bekommt eine zusätzliche Bedeutung.

Auch die Wolkenbeobachtung passt dazu.

Wir knüpfen an die Beobachtungen der ersten Seetage an. Inzwischen interessieren mich neben den Wolkenformen stärker ihre Wirkungen. Wolken können Sonnenlicht zurückwerfen und zugleich die Abgabe von Wärme ins All vermindern. Welche Wirkung überwiegt, hängt unter anderem von ihren Eigenschaften und ihrer Höhe ab.

Ein Himmel lässt sich deshalb genauer beschreiben als mit „schön“ oder „schlecht“.

Beim Beobachtungsprojekt richten wir unsere Aufmerksamkeit bewusst nach oben. Wie viel des Himmels ist bedeckt? Was lässt sich erkennen? Welche Bedingungen liegen gerade vor?

Besonders gefällt mir der Gedanke, dass auch ein wolkenloser Himmel ein vollständiges Ergebnis sein kann. Man muss keine eindrucksvolle Wolkenformation finden, damit sich das Hinschauen lohnt.

Das verändert meinen Maßstab für eine gute Beobachtung. Sie soll zuverlässig beschreiben, was da ist. Dazu gehört ebenso, festzuhalten, was gerade fehlt.

Am Nachmittag landen wir bei Segelsällskapet. Über uns liegt klarer Himmel, vor uns eine Landschaft mit auffälligen Felsformationen.

Nach dem Eis am Morgen beschäftigt mich nun der Stein.

Mein Blick folgt den Linien im Gestein. Unterschiedliche Partien liegen nebeneinander und übereinander, die Gliederung lässt sich über größere Flächen verfolgen. Im Gebiet des Segelsällskapet-Fjords sind unter anderem wechselnde Kalkstein- und Dolomitschichten dokumentiert.

Ich nehme mir Zeit, diese Muster anzusehen. Eine Linie führt meinen Blick weiter, bis sie aus meiner Perspektive verschwindet. An anderer Stelle fällt mir ein Wechsel im Erscheinungsbild auf.

Dabei erinnere ich mich an die Gesteinsbetrachtungen der vergangenen Tage. In Rødepynt hatten mich die gerundeten Bestandteile des Konglomerats beschäftigt. Hier ist es die Abfolge der Schichten.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie Material abgelagert wird, wie weitere Ablagerungen hinzukommen und daraus über lange Zeit Gestein entsteht. Die sichtbaren Unterschiede wecken Fragen: Was hat sich zwischen den einzelnen Ablagerungen verändert? Welche Geschichte lässt sich aus dieser Abfolge erschließen?

Mit jeder Frage wird der Anblick interessanter.

Ich muss dabei nicht jede Schicht benennen können. Schon das Erkennen einer Abfolge gibt meinem Blick eine Richtung. Ich beginne, die Landschaft nach Einzelheiten abzusuchen, die ich vorher vermutlich als Teil eines schönen Gesamtbildes wahrgenommen hätte.

Am historischen Platz kommt eine andere Zeitspanne hinzu.

Die Spuren früherer Aufenthalte lenken meine Gedanken auf Menschen, die diese Küste vor uns aufgesucht haben. Ich stelle mir vor, wie sie den Ort betrachtet haben: Wo konnte man anlanden? Was bot Schutz? Welche Möglichkeiten eröffnete die Umgebung?

Nach dem Besuch auf Ella Ø gestern sind mir solche praktischen Fragen nähergerückt. Ich versuche, mich in einen Aufenthalt hineinzudenken, bei dem diese Entscheidungen zum täglichen Leben gehörten.

Dann schaue ich wieder auf die Felsen. An einem einzigen Ort begegnen mir die lange Entstehungsgeschichte der Landschaft und die viel kürzeren Spuren menschlicher Anwesenheit. Unser eigener Besuch fügt einen weiteren, flüchtigen Aufenthalt hinzu.

Beim abendlichen Rückblick des Expeditionsteams verbinden sich die Eindrücke des Tages. Anschließend erfahren wir, was für morgen vorgesehen ist.

In Gedanken kehre ich noch einmal zur Zodiacfahrt zurück. Das helle Eis im Alpefjord steht mir besonders deutlich vor Augen.

Ich hatte mich am Morgen über das schöne Licht gefreut. Jetzt kann ich mir zusätzlich vorstellen, wohin ein Teil dieser Sonnenenergie gelangt – und welchen Unterschied es macht, auf welche Oberfläche sie trifft.

Der Glanz des Eises hat für mich eine Erklärung bekommen. Schön ist er dabei geblieben.

Holm Bugt – Stille am Ufer, Musik am Abend

Tag 12 – Mittwoch, 24.09.2025
Position: Holm Bugt · ca. 86 km zurückgelegt

In Holm Bugt möchte ich nach der Anlandung zunächst einfach stehen bleiben.

Vor uns liegen das Ufer mit Tundra und Eis, Felsen und die weite Bucht. Die Bedingungen sind ausgesprochen günstig. Ich lasse den Blick wandern und freue mich darauf, diesen Ort zu Fuß zu erkunden.

Ein Teil unserer Gruppe bricht zu einer Wanderung auf. Ich gehe mit.

Der Weg führt über steinige und schlammige Abschnitte. Inzwischen kenne ich diese Wechsel und finde mein Tempo, ohne lange darüber nachzudenken. Unterwegs öffnen sich immer wieder weite Ansichten. Bei den Pausen nehme ich mir Zeit, sie auf mich wirken zu lassen.

Besonders beschäftigt mich heute die Abgeschiedenheit der Bucht.

Ich schaue über das Gelände und versuche, mir seine Ausdehnung vorzustellen. Unsere Gruppe bildet darin einen kleinen, beweglichen Ausschnitt. Wenn wir stehen bleiben, tritt die Landschaft umso deutlicher hervor.

Eine Weile habe ich keinen Wunsch, weiterzugehen. Es gibt genug zu betrachten: den Verlauf des Ufers, die Übergänge zwischen Fels und Vegetation, die Formen in der Entfernung. Ich suche mir einzelne Stellen aus und folge ihnen mit den Augen.

Dabei merke ich, wie vertraut mir diese Art des Unterwegsseins geworden ist. Ich kann mich länger mit einem Ort beschäftigen. Fragen und Erinnerungen aus den vergangenen Tagen tauchen von selbst auf.

Als wir zurückkehren, bleibt mir vor allem die Weite der Bucht im Gedächtnis.

Im Postkartenworkshop an Bord versuche ich, etwas davon festzuhalten.

Die kleine Fläche der Karte verlangt eine Entscheidung. Welcher Ausschnitt kann meinen Eindruck wiedergeben? Ich lasse der Landschaft Raum und konzentriere mich auf wenige Formen. Während ich daran arbeite, kehre ich gedanklich an den Ort zurück, an dem ich während der Wanderung besonders gern stehen geblieben bin.

Es ist angenehm, einem Erlebnis noch einmal Zeit zu geben.

Bei der anschließenden Tierbeobachtung an Deck richtet sich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung des Schiffes. Unsere Beobachtungen werden für eBird und iNaturalist dokumentiert.

Die Projekte sind mir inzwischen vertrauter. Beim Workshop vor einigen Tagen hatte ich ihre Möglichkeiten kennengelernt. Jetzt verstehe ich besser, worauf es beim Anwenden ankommt: genau hinsehen, Merkmale festhalten und Beobachtungen so beschreiben, dass andere sie einordnen können.

Ich achte bewusster darauf, was ich tatsächlich erkennen kann. Auch die Frage, welche Information noch fehlt, gehört inzwischen dazu.

Darin liegt eine eigene Befriedigung. Meine Neugier bekommt eine Form, mit der sich weiterarbeiten lässt.

Am Nachmittag führt uns der Vortrag über arktische Robben in eine Welt, die unserem Blick von Deck häufig entzogen bleibt.

Besonders beschäftigt mich die Ringelrobbe. Mit kräftigen Krallen an den Vorderflossen hält sie Atemlöcher offen. Über solchen Zugängen zum Wasser kann sie im Schnee geschützte Höhlen anlegen, die auch für die Aufzucht der Jungen wichtig sind.

Ich versuche, mir diesen Lebensraum vorzustellen: Wasser unter dem Eis, ein Zugang zur Luft, darüber schützender Schnee. Was von außen wie eine weitgehend geschlossene Fläche erscheinen kann, enthält für das Tier lebenswichtige Verbindungen.

Das ergänzt meinen Blick auf die vergangenen Tage.

Gestern hatten wir darüber gesprochen, wie helle Eisflächen Sonnenlicht zurückwerfen. Heute beschäftigt mich, welche Strukturen Tiere in diesem Eis benötigen. Für eine Ringelrobbe kommt es auf sehr konkrete Bedingungen an.

Ich denke an die Küsten und Eisflächen, die wir von den Zodiacs aus betrachtet haben. Vieles von dem, was diesen Lebensraum ausmacht, erschließt sich erst durch solche Erklärungen. Sie geben meiner Vorstellung zusätzliche Tiefe.

Später liegen beim Geologieworkshop wieder Gesteinsbeispiele vor uns.

Seit dem ersten Workshop auf See sind viele Eindrücke hinzugekommen: das rote Gestein von Rødepynt, die Felsformationen bei Segelsällskapet und die unterschiedlichen Untergründe unserer Wanderungen. Mit diesen Bildern im Kopf gehe ich heute an die Bestimmung heran.

Ich betrachte zunächst die Bestandteile. Lassen sich einzelne Körner erkennen? Wie groß sind sie? Wie sind sie angeordnet? Gibt es eine erkennbare Schichtung?

Solche Merkmale helfen, die Entstehung eines Gesteins einzugrenzen. Bei magmatischen Gesteinen kann beispielsweise eine langsame Abkühlung den Mineralen Zeit geben, größere Kristalle zu bilden.

Dieser Zusammenhang gefällt mir. Eine Eigenschaft, die ich mit den Augen erkennen kann, führt zu einem Vorgang, der lange zurückliegt.

Ich übe, meine Beobachtung zunächst zu beschreiben. Daraus entwickelt sich die nächste Frage. So wird die Aufgabe überschaubarer, und ich merke, dass ich gezielter hinschaue.

Am Abend füllt Bandmusik die Lounge.

Nach der stillen Bucht, der Zeit draußen und den konzentrierten Stunden in den Workshops tut dieser Wechsel gut. Ich setze mich dazu, höre zu und lasse den Tag allmählich ausklingen.

Viele Gesichter verbinde ich inzwischen mit bestimmten Momenten. Mit einer Wanderung, einer Zodiacfahrt oder dem gemeinsamen Suchen während einer Beobachtung. Wir haben dieselben Orte besucht und dabei unterschiedliche Einzelheiten entdeckt.

Diese Vertrautheit gefällt mir. In der Lounge sitzen Menschen, mit denen ich schon eine kleine gemeinsame Reisegeschichte habe.

Die Musik gibt dem Abend Leichtigkeit. Mein Fuß bewegt sich im Takt, und für eine Weile lasse ich die vielen Gedanken des Tages ruhen.

Anschließend stellt das Expeditionsteam die Pläne für morgen vor. Ich höre zu und freue mich auf den nächsten Abschnitt unserer Reise.

Als ich später meine Postkarte noch einmal betrachte, ist die Weite von Holm Bugt sofort wieder da. Zugleich habe ich noch die Musik des Abends im Ohr.

Beides wird zu meiner Erinnerung an diesen Tag gehören.

Ittoqqortoormiit – Ein Ort zum Leben und Orcas vor dem Bug

Tag 13 – Donnerstag, 25.09.2025
Position: Ittoqqortoormiit · ca. 332 km zurückgelegt

Ittoqqortoormiit zeigt sich uns am Morgen zunächst in gedämpften Konturen. Nebel und feuchte Luft liegen über dem Ort. Beim Gehen treten einzelne Häuser deutlicher hervor, während die Umgebung noch im Dunst verschwindet.

Nach den vergangenen Tagen wirken die Wege zwischen den Gebäuden auf mich besonders vertraut. Auf Ella Ø hatten wir eine Station besucht. Hier betreten wir eine Gemeinde, in der Menschen ihr Zuhause haben.

Dieser Gedanke begleitet mich durch den Ort.

Ich betrachte die Häuser und stelle mir vor, wie es wäre, hier morgens aufzuwachen. Die Landschaft, für die wir so weit gereist sind, läge jeden Tag vor der Tür. Gleichzeitig müsste der Alltag funktionieren: einkaufen, arbeiten, Dinge reparieren, Verabredungen treffen und Pläne machen.

Was bedeutet Entfernung, wenn man dauerhaft hier lebt?

Während der Expedition habe ich erlebt, wie viel Zeit zwischen einzelnen Orten liegen kann. Jetzt bekommt diese Erfahrung einen anderen Bezug. Unsere MS Fram bringt Unterkunft, Verpflegung und vieles, was wir benötigen, gleich mit. Für eine Gemeinde stellt sich die Frage der Versorgung auf Dauer.

Der heutige Ort wurde 1925 gegründet und wird in diesem Jahr hundert Jahre alt.

Ich denke an die Menschen, die hier aufgewachsen sind, und an die Erinnerungen, die sie mit diesen Häusern und Wegen verbinden. Für mich wird dieser Vormittag eine besondere Episode meiner Reise sein. Für sie gehören zu diesem Ort ganze Lebensabschnitte.

Allmählich lichtet sich der Nebel. Die Sonne kommt hervor, Farben und Konturen werden deutlicher. Ich bleibe stehen und schaue mich noch einmal um. Mit der besseren Sicht erschließt sich auch der Zusammenhang zwischen den Häusern und ihrer Umgebung.

Der Besuch hinterlässt in mir eine andere Art von Neugier als eine Wanderung. Mich interessiert, wie Menschen ihren Alltag unter Bedingungen organisieren, die sich von meinen eigenen so deutlich unterscheiden.

Zurück an Bord gönne ich mir eine Pause.

Die Jacuzzis sind wieder geöffnet. Nach dem feuchten Morgen ist das warme Wasser ausgesprochen angenehm. Ich lehne mich zurück und lasse den Blick über die Umgebung wandern. Für eine Weile genieße ich einfach, dass alles da ist, was ich gerade brauche.

Später stehe ich mit anderen Gästen am Bug auf Deck 5 zur Tierbeobachtung.

Dann entdecke ich eine dunkle Rückenflosse.

Mein Blick bleibt an der Stelle hängen. Eine weitere Bewegung zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Orcas.

Plötzlich bin ich vollkommen bei dem, was vor uns im Wasser geschieht.

Die Tiere tauchen auf und verschwinden wieder unter der Oberfläche. Ich versuche, ihre Bewegungen zu verfolgen. Sobald eines abgetaucht ist, suche ich die Umgebung nach dem nächsten Auftauchen ab. Jeder sichtbare Moment fühlt sich kurz an.

Zwischendurch hebe ich die Kamera. Dann schaue ich wieder unmittelbar hinaus. Ich möchte ihre Bewegung erfassen und zugleich möglichst viel von der Begegnung mitbekommen.

Es ist ein besonderes Gefühl, diese Tiere hier draußen zu sehen. Ihre Anwesenheit verändert den ganzen Blick auf die Wasserfläche. Gerade noch habe ich sie nach möglichen Bewegungen abgesucht. Jetzt weiß ich, dass sich dort Orcas unter der Oberfläche weiterbewegen, auch wenn ich sie für einen Moment aus den Augen verliere.

Dabei beschäftigt mich ihr Zusammenleben. Orcas sind soziale Tiere. Innerhalb ihrer Gemeinschaften können sich bestimmte Jagdweisen und Nahrungsvorlieben entwickeln und weitergegeben werden.

Welche Beziehungen die Tiere vor uns miteinander verbinden, kann ich bei dieser kurzen Beobachtung nicht erkennen. Aber die Frage lässt mich noch aufmerksamer hinschauen. Gemeinsam unterwegs zu sein bekommt eine Bedeutung, die über das sichtbare Nebeneinander hinausgeht.

Als die Begegnung vorüber ist, bleibt mein Blick noch eine Weile auf dem Wasser.

An Bord bietet der Tag weitere Möglichkeiten, die Eindrücke zu verarbeiten. Bei der Fotosession beschäftigen mich besonders jene Augenblicke, in denen sich ein Motiv rasch verändert. Die Orcas haben mir gerade wieder gezeigt, wie eng Wahrnehmen, Entscheiden und Auslösen zusammenliegen können.

Im Workshop zum Modellieren mit Ton kommt eine andere Bewegung hinzu. Ich forme das Material mit den Händen, betrachte es von verschiedenen Seiten und verändere es wieder. Nach dem konzentrierten Blick durch die Kamera ist diese Beschäftigung angenehm. Ich kann einer Form Zeit geben.

Der Vortrag über die Energiewende führt meine Gedanken anschließend zurück nach Ittoqqortoormiit.

Vor meinem inneren Auge stehen wieder die Häuser des Vormittags. Wenn ich jetzt über Energie nachdenke, geht es für mich auch um Räume, die warm sein sollen, um Licht und um Geräte, auf die Menschen angewiesen sind.

Welche Versorgung funktioniert unter den jeweiligen Bedingungen zuverlässig? Wie lässt sie sich warten? Was muss vor Ort vorhanden sein, damit eine technische Lösung im Alltag trägt?

Der Besuch gibt solchen Fragen einen konkreten Hintergrund. Ich merke, wie wichtig es ist, Möglichkeiten im Zusammenhang mit einem Ort zu betrachten. Eine überzeugende Idee muss sich auch unter seinen tatsächlichen Bedingungen bewähren.

Die Informationen zur Ausschiffung holen schließlich das nahende Reiseende in den Tag.

Bisher haben die Besprechungen vor allem meine Neugier auf den nächsten Ort geweckt. Jetzt geht es auch darum, wie unsere Weiterreise organisiert wird. Ich höre zu und merke, dass ich mich gedanklich nur langsam darauf einstelle, die MS Fram bald wieder zu verlassen.

Noch sind die Eindrücke dieses Tages sehr gegenwärtig: die Häuser im Nebel, das Sonnenlicht über dem Ort und die dunklen Rückenflossen vor dem Bug.

Besonders die kurze Zeit an der Reling lässt mich nicht los. Ich sehe die Wasserfläche noch einmal vor mir und erinnere mich an das gespannte Warten nach jedem Abtauchen.

Für ein paar Augenblicke habe ich mitbekommen, was dort draußen geschieht. Die Orcas setzen ihren Weg fort.

Auf See südwärts – Ein Wiedersehen mit unserer Reise

Tag 14 – Freitag, 26.09.2025
Position: Auf See südwärts · ca. 569 km zurückgelegt

Am Bug schaue ich wieder hinaus aufs Meer.

Die Orcas von gestern sind noch sehr gegenwärtig. Ich erinnere mich an die Rückenflossen und daran, wie gespannt ich nach jedem Abtauchen auf die nächste Bewegung gewartet habe. Heute gehört meine Aufmerksamkeit erneut der Wasserfläche vor uns.

Dabei fällt mir auf, wie vertraut mir diese Beobachtungszeiten geworden sind. Ich nehme mir einen Abschnitt vor, lasse den Blick darüberwandern und versuche, Bewegungen einzuordnen. Es ist eine Tätigkeit, in die ich mich gern vertiefe.

Wir sind südwärts unterwegs. Nach den vielen Anlandungen liegt ein ganzer Seetag vor uns.

Am Vormittag richtet eine Präsentation über die isländische Kultur unsere Gedanken auf das Land, in dem die Reise begonnen hat. Reykjavík liegt gefühlt schon weit zurück. Seit unserer Einschiffung haben sich so viele Eindrücke angesammelt, dass ich mich erst wieder in jenen ersten Tag hineinversetzen muss.

Damals stand Grönland noch bevor.

Jetzt höre ich mit der Erfahrung der vergangenen Wochen zu. Der Besuch in Ittoqqortoormiit hat mein Interesse am Alltag der Menschen verstärkt. Bei einer Landschaft frage ich mich inzwischen häufiger, wie man dort lebt und welche Gewohnheiten sich unter ihren Bedingungen entwickelt haben.

Auch für Island nehme ich solche Fragen mit.

Dann führt uns „The Great Musk Ox Hunt“ durchs Schiff.

Die Schnitzeljagd beansprucht meine Aufmerksamkeit schneller, als ich erwartet habe. Ich beschäftige mich mit den Aufgaben, suche nach Hinweisen und prüfe meine Einfälle. Die vertrauten Wege an Bord bekommen dabei noch einmal einen anderen Zweck.

Es macht Freude, gemeinsam zu rätseln. Mal erscheint eine Lösung naheliegend, dann bringt ein weiterer Hinweis mich wieder zum Nachdenken. Ich merke, wie gern ich mich darauf einlasse.

Im kreativen Teil des Tages arbeiten wir unsere Tonmodelle fertig.

Ich nehme mein Stück wieder zur Hand, betrachte die Form von mehreren Seiten und verändere noch eine Kleinigkeit. Gestern hatte ich begonnen, mich mit dem Material zu beschäftigen. Heute sehe ich deutlicher, wann ich aufhören möchte.

Irgendwann lege ich es vor mich hin und lasse es so.

Zu diesem kleinen Gegenstand gehört nun eine konkrete Erinnerung: an den Platz, an dem ich gearbeitet habe, an die Bewegungen meiner Hände und an meine Überlegungen währenddessen. Ähnlich geht es mir mit den Bildern und Postkarten, die im Verlauf der Reise entstanden sind. Ich weiß noch, weshalb ich bestimmte Formen ausgewählt habe.

Im Wissenschaftsworkshop wenden wir uns den Ergebnissen der Arbeit in Ostgrönland zu. Daten, die während unserer Reise gesammelt wurden, werden ausgewertet und ihre Resultate vorgestellt.

Ich höre besonders aufmerksam zu.

In den vergangenen Tagen hatten wir uns immer wieder damit beschäftigt, Beobachtungen genau festzuhalten. Nun interessiert mich, was sich daraus erkennen lässt. Welche Frage stand am Anfang? Wie passen die erhobenen Daten dazu? Was lässt sich aus den Ergebnissen ableiten?

Während der Vorstellung wird mir der Zusammenhang zwischen den einzelnen Arbeitsschritten klarer. Eine Beobachtung braucht ihren Ort, ihren Zeitpunkt und eine nachvollziehbare Beschreibung. Bei der Auswertung bekommen diese Angaben ihren Zweck.

Das gibt auch den kleinen Tätigkeiten unterwegs ein anderes Gewicht.

Ich denke an das gemeinsame Hinschauen, das Festhalten von Merkmalen und die offenen Fragen bei einer Bestimmung. Solche Schritte verlangen Sorgfalt. Jetzt kann ich besser einordnen, weshalb diese Genauigkeit wichtig ist.

Am Nachmittag beteiligen wir uns erneut an den Wolkenbeobachtungen für das NASA-Projekt.

Ich richte den Blick nach oben und gehe die vertrauten Fragen durch. Wie viel des Himmels ist bedeckt? Welche Merkmale lassen sich erkennen? Was kann ich sicher beschreiben?

Inzwischen verbinde ich damit mehrere Ebenen unserer Reise. Auf den ersten Seetagen hatte ich begonnen, Wolken bewusster zu unterscheiden. Später kam ihr Einfluss auf den Energiehaushalt hinzu. Heute kann ich beim Beobachten auf beides zurückgreifen.

Die Aufgabe ist mir vertrauter geworden, und gerade deshalb entdecke ich, wo ich noch genauer hinsehen muss.

Beim Wissenschaftsquiz zum Reiseende zeigt sich auf unterhaltsame Weise, was hängen geblieben ist.

Bei manchen Fragen kommt mir rasch ein Gedanke. Bei anderen suche ich länger nach dem Zusammenhang. Dabei tauchen immer wieder Bilder auf: das helle Eis im Alpefjord, die Schichten im Gestein, der Blick vom Zodiac auf einen Eisberg.

Ich merke, dass ich mir über diese Erinnerungen manches herleiten kann.

Das freut mich. Die Vorträge und Workshops sind mit Orten und Erlebnissen verbunden, die ich selbst kennengelernt habe. Ich kann gedanklich dorthin zurückkehren und an einer Erklärung weiterarbeiten.

Gleichzeitig bleibt das Quiz ein Spiel. Wir überlegen, vergleichen unsere Gedanken und freuen uns über gelöste Aufgaben. Der gemeinsame Spaß passt gut zu diesem letzten Abschnitt der Expedition.

Am Abend lädt der Kapitän zu den Abschiedsdrinks ein.

Ich nehme mein Glas und schaue mich um. Viele Gesichter sind mir inzwischen vertraut. Mit manchen verbinde ich eine Wanderung, mit anderen eine Zodiacfahrt oder eine Beobachtung an Deck. Aus den Gästen vom Einschiffungstag ist für mich eine Reisegesellschaft mit gemeinsamen Erinnerungen geworden.

Dann beginnt die Bilderschau.

Orte, die wir vor Tagen besucht haben, stehen plötzlich wieder vor uns. Mit jedem Wiedererkennen kommen weitere Einzelheiten zurück. Zu einer Landschaft erinnere ich mich an den Weg unter meinen Füßen. Bei einem Bild vom Eis ist die niedrige Sitzposition im Zodiac wieder da.

Ich sehe die Bilder und ergänze im Kopf, was außerhalb des jeweiligen Ausschnitts lag.

Besonders schön ist, dabei auch die Reaktionen der anderen mitzubekommen. Ein Lächeln, ein Wiedererkennen, ein kurzer Blick zum Nachbarn. Offenbar ruft dasselbe Bild ganz unterschiedliche kleine Geschichten wach.

Als die letzten Aufnahmen gezeigt werden, denke ich an unseren ersten Abend auf der MS Fram. Damals hatte ich versucht, mir vorzustellen, was uns erwarten würde.

Jetzt kann ich mich erinnern.

Und wenn ich auf einem Foto eine unscheinbare Stelle entdecke, weiß ich manchmal noch ganz genau, warum ich dort stehen geblieben bin.

Reykjavík – Was mit an Land geht

Tag 15 – Samstag, 27.09.2025
Position: Reykjavik · ca. 221 km zurückgelegt

Ich gehe einen vertrauten Gang entlang und weiß, dass ich ihn auf dieser Reise zum letzten Mal gehe.

Vor zwei Wochen musste ich mich auf der MS Fram erst orientieren. Wo befindet sich die Lounge? Wie komme ich zum Außendeck? Wo treffen wir uns für die nächste Veranstaltung? Inzwischen sind diese Wege selbstverständlich geworden. Ich gehe sie, ohne darüber nachzudenken.

Nun liegt die Fram wieder in Reykjavík. Wir gehen früh von Bord.

Beim Zusammenpacken wandern meine Gedanken noch einmal durch das Schiff. Zu den Plätzen, an denen ich gern gesessen habe. Zur Reling, an der wir gemeinsam nach Tieren Ausschau hielten. Zu den Räumen, in denen wir nach unseren Erkundungen wieder zusammenkamen.

An diesem Morgen fällt mir der Abschied von den Menschen schwerer, als ich bei der Einschiffung erwartet hätte.

Damals waren wir Gäste auf demselben Schiff. Inzwischen verbinde ich mit vielen Gesichtern einen Ort, eine Beobachtung, einen gemeinsamen Moment. Manche sind mir Freunde geworden. Beim Verabschieden reicht ein kurzer Hinweis auf einen dieser Augenblicke, und die Erinnerung ist wieder da. Wir müssen die Vorgeschichte nicht mehr erzählen.

Auch von den Menschen, die uns an Bord und draußen begleitet haben, nehme ich Abschied. Zwei Wochen lang waren sie da, wenn wir zurückkehrten, Fragen hatten oder zum nächsten Ausflug aufbrachen. Dass wir uns heute verabschieden, fühlt sich noch ungewohnt an.

Dann ist es Zeit zu gehen.

Mit dem Gepäck verlasse ich die Fram. Bei unseren Anlandungen war die Rückkehr aufs Schiff immer Teil des Tages gewesen. Heute führt der Weg weiter.

An Land bleibe ich noch einmal stehen. Mein Blick wandert hinauf zu den Decks. Ich weiß inzwischen, welche Räume hinter den Fenstern liegen und wo die Wege verlaufen, die mir am ersten Tag noch unbekannt waren.

Beim Auslaufen vor zwei Wochen hatte ich von Deck zurück auf den Kai geschaut. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite und schaue noch einmal hinauf.

Mein Fazit zur Grönland-Expedition mit der MS Fram

Für mich war diese Expedition besonders bereichernd, weil ich Grönland auf so unterschiedliche Weise kennenlernen konnte: draußen in den Fjorden und der Tundra, durch eigenes Ausprobieren und im Austausch mit Menschen, die ihr Wissen mit uns teilten. Die gewaltigen Eislandschaften und die Tierbeobachtungen haben mich begeistert. Hinzu kam die Freude, Zusammenhänge selbst zu entdecken.

Dass die einzelnen Tage aufeinander aufbauten, machte für mich einen wesentlichen Teil der Reise aus. Was ich an Bord über Gesteine erfuhr, half mir später beim Betrachten der roten Felsen. Die kleinen Pflanzen bei Sydkap bekamen eine weitere Bedeutung, als wir Moschusochsen beim Grasen beobachteten. Beim Blick auf einen Gletscher konnte ich mir zunehmend vorstellen, wie das Eis die Landschaft geformt hatte. So wurde aus einer Erklärung an Bord eine eigene Entdeckung draußen.

Ebenso wichtig war für mich das eigene Tun. Im Kajak bestimmte mein Paddelschlag die Bewegung. Auf den Wanderungen erschloss sich die Landschaft Schritt für Schritt. Beim Malen musste ich herausfinden, was mich an einem Anblick eigentlich festgehalten hatte. Diese Beteiligung gibt meinen Erinnerungen eine besondere Nähe.

Die MS Fram bot dafür einen passenden Rahmen. Unterkunft und Versorgung reisten mit zu den abgelegenen Küsten. Zwischen den Erkundungen blieb Raum, sich auszuruhen und Fragen zu vertiefen. Besonders wertvoll war für mich der Zugang zum Wissen des Expeditionsteams: Ich konnte etwas beobachten, nachfragen und die Erklärung bei der nächsten Gelegenheit selbst anwenden.

Was ich davon mitnehme, reicht über diese Reise hinaus. Ich weiß besser, worauf ich beim Betrachten einer Landschaft achten kann, und habe Freude daran gefunden, einer eigenen Beobachtung weiter nachzugehen.

Ich empfehle diese Art der Expedition besonders Menschen, die Freude an Natur haben und ihr genauer auf den Grund gehen möchten. Wer gern beobachtet, Fragen stellt und sich auf wechselnde Bedingungen einlässt, findet hier viele Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu sammeln. Dafür braucht es aus meiner Sicht vor allem Neugier und die Bereitschaft, einem Ort Aufmerksamkeit zu schenken.

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Portrait Autor

Roland Kock
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